Work Text:
Es war jetzt schon das dritte Mal seit wenigen Minuten, dass er vor dem verdammten Spiegel stand - und der zeigte ihm wenig überraschend noch immer das Gleiche. Die Uniform saß perfekt, vielleicht sogar ein wenig zu penibel zurecht gezupft, und Goodween fummelte dennoch nervös erneut an seinem Kragen herum, der eigentlich nicht noch gerader stehen könnte.
Es war zum verrückt werden.
Natürlich hatte er in der Nacht kein Auge zugetan, war viel zu früh aufgestanden, hatte viel zu viel Kaffee getrunken und jetzt war er viel zu früh fertig. Dabei sollte er erst in einer Stunde auf dem Revier erscheinen.
Das allererste Mal offiziell als Polizist. Zuvor hatte er das Department von Rocky Beach nur einmal von innen gesehen als er zu seinem Vorstellungsgespräch dort gewesen war.
Er erinnerte sich noch genau an die offen verwirrte Frage des Personalabteilungsleiters, warum er sich ausgerechnet für Rocky Beach entschieden hatte und den kleinen Moment von Panik, in dem er versucht hatte in möglichst nette Worte zu verpacken, dass er es in LA, wie auch in Ventura Beach, die er während seiner Ausbildung kennengelernt hatte, einfach nicht mehr aushielt. Noch wusste er nicht, ob Rocky Beach in irgendeiner Weise anders war. Ein Blick auf die Straßen der kleinen Küstenstadt zeigten eine beinahe ausschließlich weiße Bevölkerung und es ließ ein wenig die bunten Fahnen vermissen, die Goodween aus seiner alten Nachbarschaft gewohnt war.
Seufzend betrachtete er sich im Spiegel.
An irgendetwas war es doch immer gescheitert. LA hatte seine großen, queeren Viertel gehabt, war aber so rassistisch in den Reihen der Polizei gewesen, dass er sich freiwillig gemeldet hatte, die andere Hälfte seiner Ausbildung in Ventura Beach zu verbringen. Dort war der Rassismus weniger das Problem gewesen, sondern die Christen, die alles sehr gern in den starren Kategorien „Mann” und „Frau” belassen wollten, die dann doch bitte auch als einzige Möglichkeit einer Beziehung zu gelten hatten.
Mit seinen Kollegen war es nicht anders gewesen. Entweder sie waren rassistisch, homophob - oder einfach schlechte oder korrupte Cops. Rocky Beach hatte er sich nur ausgesucht, weil er ein einziges Mal mit einem Polizisten von hier zu tun gehabt hatte. Obwohl ihre Zusammenarbeit nicht einmal einen Tag gedauert hatte, hatte Goodween zu ihm eine tiefere Verbindung aufgebaut als zu irgendeinem anderen Polizist während seiner Ausbildungszeit.
Aber der Eindruck hatte ihm genug Hoffnung gegeben, dass in Rocky Beach zumindest noch ein paar gute Polizisten zu finden waren.
„Dann können wir nur hoffen, dass auch so ist”, sagte er seinem Spiegelbild, das jedoch so unsicher zurücksah wie er sich fühlte.
Sich scheinbar durch seine Stimme angesprochen gefühlt, kam mit laut auf dem Holzboden klackernden Krallen Captain ins Schlafzimmer getrottet und Goodween wich dem Hund mit einem leisen Lachen aus.
„Hundehaare kann ich am ersten Tag nicht gebrauchen.”
Als hätte der Schäferhund ihn verstanden, ließ er den Ball, den er im Maul trug, zu Boden fallen. Wenn Goodween sich nicht täuschte, sah er ihn dabei auch noch vorwurfsvoll an.
Seufzend ging er in die Hocke, legte beide Hände an Captains Wangen und kraulte ihn ausgiebig. Schließlich hielt er inne und sah ihn ernst an.
„Ok, hör mir gut zu. Der erste Eindruck ist wichtig. Also darf heute nichts schief gehen. Verstanden?”
Da der Hund zu schlau für seinen eigenen Segen war, beantwortete er Goodweens Worte mit einem lauten Schnauben.
„Gut. Dann haben wir das ja geklärt.”
Captain legte den Kopf schief und gerade als Goodween glaubte, dass der Hund wirklich einfach zu sprechen anfangen würde, begann der Schäferhund sich ausgiebig hinter dem Ohr zu kratzen und brummte dabei wie ein kaputter Motor.
Goodween hätte nur zu gern mit ihm getauscht. Im Ruhestand und jemand stellte ihm zwei Mal am Tag Premiumfutter vor die Nase - wunderbar. Doch so blieb ihm nichts anderes übrig als einfach zu früh aufzubrechen, bevor er noch den Verstand verlor.
Nur eine Viertelstunde später stand er vor dem hohen Gebäude und betrachtete für ein paar Momente düster die zahlreichen amerikanischen Flaggen, die im Wind wehten. Eine hätte natürlich nicht gereicht. Hoffentlich waren sie kein Vorzeichen für das, was ihn innen erwartete.
Er war schon immer ein offener Typ gewesen - liebte es, unter Leuten zu sein, neue Personen kennenzulernen und ihnen zuzuhören. Sonst hätte er in seinem alten Beruf auch wohl nicht so lange durchgehalten. Doch eines jagte selbst ihm einen Schauer über den Rücken: diese ersten Tage in einem neuen Beruf, in denen man mit Smalltalk versuchte das Wasser mit den anderen Kollegen zu testen, ohne wirklich zu wissen, was sich unter ihrer Oberfläche versteckte.
Goodween hasste diese ersten Tage, in denen man „der Neue” war und man sich auf einer unsicheren Gratwanderung befand; keine Freunde, keine Ahnung, wie die internen Beziehungen waren und jede Menge versteckte Minen, auf die man treten konnte.
Deshalb hoffte er einfach, dass er gleich nach seiner Ankunft mit einem anderen Officer zu irgendeinem Einsatz gerufen wurde. Das würde ihnen hinterher genügend Gesprächsmaterial geben und den Smalltalk überspringen.
Aber natürlich war das hier Rocky Beach. - Und in Rocky Beach passierte erschreckend wenig.
Goodween meldete sich beim Polizeipräsidenten, arbeite die kurze Liste an Leuten ab, bei denen er sich anmelden und vorstellen sollte und schüttelte Hände, die er vermutlich so schnell nicht wieder sehen würde, weil sie in schicken Büros saßen und diese scheinbar auch selten verließen. Er bekam seine Dienstwaffe ausgehändigt, die Schlüssel zu seinem Streifenwagen und ein paar grobe Richtungsanweisungen, wohin er als nächstes gehen sollte.
Die Officer waren normalerweise im zweiten Stock, wenn sie nicht Streife fuhren oder bei den Kollegen aus dem dritten Stock saßen, welcher Goodween schließlich auch ans Herz gelegt wurde, um dort mit seiner Runde anzufangen.
Es war verrückt, wie sehr ihm das Herz in der Brust klopfte als er im kleinen Treppenhaus stand und die Tür zu einem recht trüben Flur aufdrückte. Es war still. Vermutlich hatte er es geschafft von der falschen Seite zu kommen, denn das versprochene Großraumbüro konnte er hier nicht sehen. Nur eine Menge unbesetzter Zimmer und Aktenräume. Aus einem kam jedoch ein Lebenszeichen.
Goodween streckte vorsichtig den Kopf hinein in was wohl eine Art Pausenraum war. Im nächsten Moment lächelte er jedoch.
Seine Ankunft war nicht unbemerkt geblieben und der ältere Mann vor ihm drehte sich um. Es dauerte ein paar Momente, doch dann flackerte Erkenntnis auf seinem Gesicht auf.
„Goodween, wenn ich mich richtig erinnere?”
„Ja, genau.”
Die beiden tauschten einen regen Handschlag miteinander aus.
„Reynolds. Ich glaube, ich hatte mich damals gar nicht oder nur sehr kurz vorgestellt.”
Es war der Kommissar, der Goodween bei seiner elenden Zeit in Ventura Beach über den Weg gelaufen war und ihn überzeugt hatte, die ganze Sache nicht doch einfach hinzuschmeißen.
„Wie ich sehe, haben Sie die Ausbildung geschafft. Freut mich!”
„Mich ebenfalls. Ich bin gerade dabei, nach meinen neuen Kollegen zu suchen.”
Reynolds lachte leise.
„Ja, die Aufteilung hier kann etwas verwirrend sein, wenn man sich nicht auskennt.”
Er zog ein paar Sachen aus dem Schrank und verstaute sie in einer Tasche, die auf dem Tisch stand. Goodween betrachtete sie mit einem plötzlich schlechten Gefühl.
„Ich hatte Ihre Bewerbung noch auf dem Schreibtisch liegen”, sagte Reynolds mit den Kopf im Schrank und sprach dann aus, was Goodween schon befürchtet hatte. „Aber für das Einstellungsgespräch vor ein paar Wochen war ich dann leider schon in Pension.”
Er hielt einen Moment inne und lachte schließlich leise.
„Leider." Er zog die Schultern hoch. „Es ist eigentlich ganz schön im Ruhestand.”
Goodween schenkte ihm ein zustimmendes Lächeln, war innerlich allerdings etwas enttäuscht darüber, dass er scheinbar den einen guten Kollegen schon verloren hatte, bevor er überhaupt mit ihm zusammengearbeitet hatte.
„Und trotzdem sind Sie nun hier, Sir?”
Reynolds sah sich einen Moment um als würde er sich gerade erst wieder bewusst, wo er war und grinste etwas verlegen.
„Irgendwie zieht es einen doch immer wieder hierher zurück, wissen Sie? Ich wollte noch ein paar Sachen abholen, ein bisschen plaudern - das Übliche halt. Aber da ich schon einmal hier bin, warum führe ich Sie nicht ein wenig herum?”
Es war ein Angebot, dass Goodween nicht ablehnen konnte.
Wie schon damals stellte Reynolds sich als ein wunderbar angenehmer Kerl heraus und nicht als einer der unnatürlich harten Cops, die immer glaubten, dass sie Autorität ausstrahlten, wenn sie sich eigentlich nur wie die größten Arschlöcher unter der Sonne verhielten. Reynolds hingegen lächelte die ganze Zeit, bot ihm seinen ersten offiziellen Kaffee auf dem Revier an („Einer von sehr vielen; die Nächte hier können lang werden”, sagte er dabei mit einem Zwinkern in seine Richtung) und plauderte mit ihm eine ganze Weile über Goodweens Ausbildung, seinen vorherigen Beruf und gab ihm schließlich ein paar tiefere Einblicke in die Abläufe von Rocky Beach, was er jedoch am Ende mit einem beinahe wehmütigen Lächeln zusammenfasste.
„Rocky Beach ist nicht besonders aufregend. Sie sind der einzig neue Kollege, der uns dieses Jahr zugeteilt wurde und das auch nur, weil Sie auf Wunsch hierher gekommen sind.” Er lachte leise. „Das hat natürlich für eine Menge Gespräche unter den Kollegen gesorgt. Sie werden sicher schon äußerst gespannt erwartet.”
Das hörte sich zumindest nicht so höhnisch an, wie Goodween befürchtet hatte. Tatsächlich sprach Reynolds so als würde er seine Wort ernst meinen. Was wirklich bedeuten könnte, dass das Arbeitsklima hier gut war.
„Ich will Sie den anderen auch gar nicht so lange vorbehalten”, verabschiedete sich Reynolds schließlich von ihm, schulterte seine Tasche und ging ein paar Schritte den Flur herunter, bevor ihm scheinbar noch etwas einfiel und er sich mit einem Schnipsen zu Goodween umdrehte. „Fragen Sie nach Inspektor Cotta. Ich denke, Sie beide werden sich gut verstehen!”
Bevor sich Goodween wirklich darauf vorbereiten konnte, stand er im Großraumbüro und fühlte sich mit einem Mal sehr verloren. Und wie ein Leuchtturm, der jeden Blick auf sich zog. Er atmete einmal durch, straffte ein wenig die Schultern und versuchte sich daran zu erinnern, dass Reynolds ihm nicht wirklich viel Negatives über das Revier berichtet hatte - und der Mann hatte keinen Grund mehr gehabt, irgendetwas zu beschönigen. Immerhin war er nun im Ruhestand.
Es gab zwei kleinere Gruppen von Polizisten, die sich an Tischen zusammengefunden hatten und bevor er eine bewusste Entscheidung treffen musste, wohin er zuerst gehen sollte oder wo sich der erwähnte Cotta aufhielt, winkte ihn einer der Männer zu sich und der Gruppe herüber.
Drei Inspektoren - und ein Officer, wie Goodween erleichtert feststellte als er näher kam. Es war derjenige, der gewunken hatte. Er war wenig älter als die restlichen Drei, die Goodween tatsächlich alle in sein grobes Alter einschätzen würde. Ansonsten hätte die Gruppe jedoch nicht unterschiedlicher sein können.
„Trevor Devlin. Ich denke mal, wir werden uns häufiger sehen, so als direkte Kollegen”, stellte der Officer sich vor und Goodween schüttelte mit einem leichten Lächeln und Nicken seine Hand.
„Als würden wir uns weniger sehen, nur weil wir keine direkten Kollegen sind”, schaltete sich der Inspektor zu Goodweens Linken ein. Er saß in einer Art und Weise auf seinem Stuhl posiert, dass er beinahe hinten überfiel, es jedoch irgendwie schaffte seine Balance zu halten. Er richtete sich mit einem breiten Lächeln auf, als er Goodween die Hand reichte.
„Robert. Robert Donatelli.”
Er deutete auf den Dritten in der Runde, einen etwas kleineren Mann mit blondem Vollbart.
„Das ist Jack. Aber gewöhn dir schon mal an, ihn Sergeant zu nennen.”
Jack verdrehte leicht die Augen, reichte Goodween aber schließlich auch lächelnd die Hand.
„Nur, wenn ich die Prüfung wirklich bestehe. - Jack Morales.”
„Was niemanden wundern würde, du kleiner Streber.”
Die Drei lachten, scheinbar ein Witz, der sich mit der Zeit eingestellt hatte und Goodweens Mundwinkel zuckten. Sie fielen jedoch wieder herunter als er sich zum letzten der Gruppe wandte und der aussah als hätte Goodween ihm gerade persönlich den Tag ruiniert. Schwarze Haare, der Ansatz von einem Bart und ein leicht aufgeknöpftes Hemd, das ihm mit einem Mal regelrecht verboten vorkam im Gegensatz zu seiner eigenen Uniform.
Ein sehr gut aussehender Mann.
Ach, fuck. Goodween versuchte sich selbst zur Ordnung zu rufen. Solche Gedanken gleich am ersten Tag konnte er sich nicht leisten. Eine weitere Schwärmerei für einen hetero Mann wie es in L.A. ein paar Mal passiert war, stand echt nicht weit oben auf seiner Liste und es sah auch nicht so aus, als wäre der Mann wirklich dazu bereit, ein Kollege zu werden.
„Cotta”, stellte er sich vor und Goodween glaubte für einen Moment so etwas wie direkte Ablehnung zu spüren. Cottas Blick glitt einmal an ihm nach oben, verweilte ein wenig zu lang für Goodweens Geschmack in seinem Gesicht, dann sank er wieder zum Bildschirm.
Da war sie wieder; die Unruhe, die sich einfach nicht ausblenden ließ. Vielleicht gab es zwei Cottas auf dem Revier? Mit dem Nachnamen eher unwahrscheinlich. Vermutlich sein Glück, dass er an die erste Gruppe geriet, die aus drei freundlichen Personen und einem Rassisten bestand.
„Kein Vorname?”, fragte er also gezwungen locker.
Neben ihm lachte Donatelli auf.
„Cotta ist Cotta und wird es immer bleiben.”
Goodween warf Cotta einen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen zu.
„Meine Eltern waren besonders kreativ bei der Auswahl meines Vornamens”, erklärte dieser düster und lehnte sich mit einem müden Seufzen vom Bildschirm weg. Nun schlich sich ein Lächeln auf sein Gesicht.
Die Anspannung, die Goodween vorher gefühlt hatte, verpuffte ein wenig und er erwiderte das Lächeln zaghaft.
„Meine Schwester heißt Caroline, die hat Glück gehabt.“
„Meine Eltern wollten mich zuerst Kirk nennen, wenn meine Großmutter sie nicht aufgehalten hätte.”
„Kirk wie…”, begann Cotta.
„Captain Kirk der Enterprise, ja, genau.”
Cotta schmunzelte leicht und winkte ab. „Nicht schlecht. Aber ich wünschte, es wäre nur irgendein Name einer Figur aus einer Serie. Ist viel schlimmer.”
„Und doch steht er gut sichtbar im internen Netzwerk.” Donatelli legte mit einem Grinsen die Hand an seinen Bildschirm und machte Anstalten, ihn zu Goodween umzudrehen.
„Wehe!” Cotta langte über ihren geteilten Tisch und für ein paar Momente rangen die beiden leise lachend und fluchend um die Kontrolle. Goodween erwischte sich dabei, wie er grinste.
Konnte das wirklich so einfach sein? Hatte er endlich einfach mal Glück und Kollegen erwischt, die mit ihm auf einer Wellenlänge waren?
„Du zeigst ihm meinen Namen und ich verspreche dir, dass ich dich zum nächsten Fragezeichenfall mitschleppe!”
Goodween blinzelte. Er hatte die Worte zwar gehört, aber so wirklich verstanden hatte er sie nicht. Da Robert jedoch mit einem gespielt empörten Luftschnappen seinen Bildschirm los- und sich wieder in seinem Stuhl zurückfallen ließ, musste es irgendetwas Wichtiges sein.
Trevor schien seinen verwirrten Blick bemerkt zu haben und lehnte sich zu ihm herüber.
„Die drei Fragezeichen.”
„Wer ist das?”
„Wirst du noch schnell genug herausfinden”, knurrte Cotta und sein Gesichtsausdruck hatte sich mit einem Mal wieder zu der unzufriedenen Grimasse gewandelt von zuvor. „Oder auch nicht, wenn du Glück hast. Dieser Bericht macht mir seit Stunden einfach nur Kopfschmerzen.”
Das eliminierte zumindest die letzten Zweifel, dass Cottas Laune auch nur im Ansatz mit Goodween zu tun gehabt hatte und das Gewicht fiel vollends von seinem Herzen.
Das Gespräch, das sich danach entwickelte, hätte lockerer nicht sein können. Es fühlte an, als sei Goodween schon lange dabei und nicht gerade erst dazu gekommen. Trevor erklärte ihm ein paar der internen Regeln, die Datenbanken und die hauseigene Technik und schlug ihm sogar nach einiger Zeit vor, ihm auch den Rest des heutigen Teams vorzustellen.
Goodween schüttelte drei weiteren Inspektoren die Hand - Mitchell, Kershaw und Forrester und einem weiteren Officer namens Ford, die alle höflich waren, aber mit denen sich auch nicht wirklich ein Gespräch entwickeln wollte - und Trevor führte ihn schließlich zwei Etagen tiefer.
Goodween bekam endlich den passenden Streifenwagen zu dem Schlüssel in seiner Tasche zu Gesicht, der seine kleine Einfahrt zuhause vollkommen einnehmen würde und, weil er auf Anweisung war, seinen ersten Tag mit einem erfahrenen Officer zu verbringen, fand er sich schließlich auf dem Beifahrersitz von Trevors Wagen wieder.
Als gerade eine kleine, angenehme Pause in ihrem Gespräch entstanden war, fielen Goodween Cottas seltsame Worte wieder ein. Ihm lag die erneute Frage auf der Zunge, wer oder was die drei Fragezeichen waren als Trevors Funkgerät mit einem lauten Rauschen zum Leben erwachte. Der Fall danach war zwar nicht einnehmend oder kompliziert, aber Trevor tat sein bestes, Goodween alle Abläufe in Rocky Beach zu zeigen. Sie kehrten nicht wieder in die dritte Etage zurück und bevor er sich versah, war sein erster Tag als Polizist in Rocky Beach vorbei.
Die Sonne warf lange Schatten in sein Wohnzimmer als er die Tür wieder öffnete. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sich einfach gleich mit dem Gesicht voran auf sein Bett schmeißen und schlafen wollen, so erschöpft war er. Erschöpft, aber ziemlich zufrieden.
Stattdessen zwang er sich jedoch, sich mit dem auf dem Rückweg gekauften Essen auf das Sofa zu setzen und den Hund davon abzuhalten, sich die Reste zu erbetteln.
Eine langsame Runde Spaziergang später und Captain hatte sich auf dem Sofa eingerollt, Goodween stand gerade im Bad und putzte sich die Zähne, als sein Handy klingelte. Sein leises Seufzen hallte von den Badezimmerwänden wider.
Mom stand auf dem Display.
Eigentlich viel zu müde für so ein Gespräch, aber gleichzeitig auch mit einem zu schlechten Gewissen den Anruf abzulehnen, nahm er ihn schließlich an. Immerhin wusste er ja, was sie wollte. Normalerweise nur das Beste.
„Hey, Mom”, begrüßte er sie und unterdrückte ein Gähnen.
„Na, Spatz? Wie war der erste Tag?”
Wenn seine Mutter eines konnte, dann, dass sie nicht lange um den heißen Brei herumredete. Oder, dass sie ihren Sohn, der sie mittlerweile um zwei Köpfe überragte, immer noch Spatz nannte - vielleicht konnte er Cotta damit zu einem Tausch überreden, ging es ihm durch den Kopf. Schrecklicher Kosename im Austausch gegen seinen Vornamen.
Nun musste er jedoch einen Moment nachdenken, bevor er seinem müden Geist ein Lächeln abrang.
„Gut”, antwortete er wahrheitsgemäß und konnte es selbst eigentlich kaum glauben.
Seiner Mutter hatte er in den letzten Jahren eine Menge Leid geklagt, hatte sich bei ihr beschwert und all das rausgelassen, das er sich gegenüber anderen hatte verkneifen müssen. Sie war laut ihren eigenen Worten beinahe genau so aufgeregt über seinen ersten Tag gewesen wie er und wirklich verübeln konnte er es ihr auch nicht. Es bedeutete vor allem, dass sie genau wie er vollkommen begeistert darüber war, dass er tatsächlich ein gutes Kollegium hatte.
Bevor er sich von ihr verabschiedete, erinnerte er sie (und sich) noch einmal daran, dass es erst der erste Tag sei und sich noch herausstellen würde, wie angenehm seine Kollegen wirklich wären – und da hätte ihm eigentlich schon klar sein müssen, dass natürlich etwas ganz schrecklich schief laufen würde.
Stattdessen erschien er am nächsten Tag zum Dienst, genauso motivert und optimistisch wie zuvor und wurde von einem beinahe leeren Großraumbüro begrüßte. Mitchell musste die verwirrte Falte auf seiner Stirn bemerkt haben, denn sein Kopf erschien über seinem Bildschirm.
„Heute ist die Parade am Strand, da sind die meisten von uns vor Ort. Donatelli und Devlin sind allerdings gerade zu ’nem vermeintlichen Mord in den Bell Canyon gerufen worden. So schnell werden die also auch nicht zurück kommen.“
Goodween kommentierte das Ganze mit einem Nicken. Bedeutete für ihn eigentlich nur, dass er seine freie Zeit nutzen konnte, um auch die andere Hälfte des Büros besser kennen zu lernen.
Gerade als er sich jedoch zu Mitchell wandte, knackte sein Funkgerät und Goodween verbrachte die nächste Stunde bei einer älteren Dame, die glaubte, Einbrecher würden versuchen über die kleine Seitengasse in ihre Wohnung einzusteigen.
Drei sehr wütende Waschbären konnte er zwar nicht verhaften, aber Goodween tat sein Bestes, sie zu vertreiben und der älteren Dame zu erklären, ihre Mülltonnen etwas weiter an die Straße zu stellen – dann könnte sie den Lärm zumindest nicht mehr hören.
Rocky Beach begrüßte ihn an seinem ersten Solo-Tag dann auch nicht mehr mit interessanteren Einsätzen und ihm gingen unwillkürlich Reynolds Worte durch den Kopf, dass hier sowieso nie viel passierte. Nachbarschaftsstreitigkeiten, wenige Rotlicht-Verstöße und ein paar ältere Herrschaften, die sich einfach nur unterhalten wollten; alles hier kam Goodween entschleunigt vor. Nichts im Vergleich zu L.A. oder Ventura, in denen er vermutlich schon längst zu einer Körperverletzung oder einem betrunkenen Randalierer gerufen worden wäre.
Zum Mittag schaffte er es gerade noch zum Revier zurück. Ein wenig Unruhe löste sich von seinen Schultern als Kershaw ihn zu sich und Mitchell winkte, die gerade beide im Pausenraum saßen. Mitchell schenkte Goodween eine dampfende Tasse Kaffee ein als er sich dazusetzte.
„Und? Alles gut soweit?“
Goodween berichtete mit einem leichten Grinsen von den Waschbären, bekam ihm Gegenzug gleich zwei weitere Erlebnisse der beiden mit der lokalen Tierwelt und die Warnung, dass es nicht sein letzter Einsatz von „versuchter Einbruch stellt sich als hungriges Tier heraus“ wäre.
In der Mitte ihres Gesprächs huschte Cotta einmal durch das Büro. Goodween hob seine Hand zum Gruß, doch wartete vergeblich auf eine Antwort. Cottas Blick zuckte für ein paar Momente über sie drei, verfinsterte sich als er Kershaw und Mitchell entdeckte und schließlich nickte er lediglich, bevor er so schnell wieder verschwunden war wie er gekommen war.
Verwirrt runzelte Goodween die Stirn, doch als er sich wieder zu Kershaw und Mitchell umwandte, sahen diese Cotta ebenfalls mit offener Abneigung hinterher.
Und plötzlich war sie wieder da. Diese innere Unruhe. Der Knoten, der sich in seinem Magen immer fester und fester zusammenzog. So harmonisch schien es dann doch nicht hier abzulaufen. Und tatsächlich seufzte Kershaw einmal tief, schüttelte den Kopf und nahm einen großen Schluck Kaffee.
„Wir können offen miteinander reden, oder, Goodween?“
Ein vielsagender Blick wandte sich in seine Richtung.
Das konnte alles heißen. Meistens hielt es allerdings als eine Ausrede her, gleich etwas sehr Kontroverses zu sagen, von dem er Sprecher zwar wusste, dass seine Meinung nicht populär war, aber dennoch das Gefühl hatte, er müsse sie dringend mit seiner Umwelt teilen.
„Klar“, versuchte Goodween so unbeeindruckt wie möglich zu klingen.
„Es geht um Cotta und seine kleine Freundesgruppe.“ Allein der Tonfall, den Kershaw anschlug, war so schneidend, dass Goodween unwillkürlich die Schultern hochzog.
„Ihr habt euch ja gestern alle ziemlich gut verstanden“, sagte Mitchell, einen Unterton in der Stimme, der auf irgendetwas hindeutete, das Goodween noch nicht verstand.
„Ähm, ja?“, gab er zurück.
„Und das ist auch gar nichts Schlechtes!“, versicherte Kershaw, hob seine Hände zu einer beruhigenden Geste, doch nüchterte schnell wieder aus. Ernst lehnte er sich zurück und seufzte erneut. „Ach, das mit Cotta ist halt einfach ’ne bescheuerte Sache.“
„Und wollt ihr mir jetzt davon erzählen oder nur weiterhin vage Andeutungen machen?“
Kershaws Mundwinkel zuckten kurz zustimmend, dann nickte er langsam und fuhr ernster fort.
„Er ist korrupt. Er und seine ganze kleine Gruppe da.“
Goodween fühlte, wie ihm etwas Eisiges in den Magen rutschte und ein altbekanntes Gefühl von kalter, schmerzhafter Enttäuschung in ihm hochstieg.
„Korrupt?“, fragte, nur um noch einmal sicher zu gehen. Immerhin – und das war ihm auch nicht unbekannt – konnte es sich hier auch nur um sehr üble Nachrede unter Kollegen handeln.
Mitchell lehnte sich etwas in seinem Stuhl vor und senkte seine Stimme.
„Naja, in die Karten lässt er sich natürlich nicht schauen. Ich glaube nicht, dass da Geld involviert ist -“
„Ich schon“, unterbrach ihn Kershaw und funkelte dunkel zu Cottas leerem Schreibtisch herüber. „Verdreht die Anzeigen, macht aus Einbruch Hausfriedensbruch und aus Hausfriedensbruch wird ganz schnell eine mündliche Verwarnung. Ständig ruft er irgendwo an, telefoniert die ganze Zeit leise und schwups – alle Anzeigen werden fallen gelassen. Beweismittel und Ermittlungsergebnisse werden von ihm einfach so an Personen weitergegeben, die absolut nichts damit zu tun haben. Kommt öfter vor. Er nennt es zwar ‚ein Auge zudrücken‘, aber jeder weiß doch, was er eigentlich damit meint.“
„Aber dass er Geld nimmt, kannst du ihm nicht beweisen.“
Kershaw schnaubte.
„Keine Ahnung, was er von den Dreien bekommt, Geld oder irgendetwas anderes – ich will das gar nicht so genau wissen. Hat er vermutlich von Reynolds so übernommen.“
Dem eisigen Klumpen in seinem Magen folgte ein zweiter, noch schwererer Klotz.
„Reynolds?“
„Ja, der ist vor ein paar Wochen in den Ruhestand gegangen. Unser Hauptkommissar – hat viel mit Cotta zusammengearbeitet. Und jetzt rate mal, wer ganz plötzlich im Gespräch ist, seinen Platz einzunehmen. Da war mit Sicherheit Geld im Spiel, das kannst du mir gar nicht anders erzählen.“
Goodweens Blick wanderte widerwillig in Richtung des anderen Pausenraums, in dem er Reynolds getroffen hatte. Es wollte so gar nicht in seinen Verstand passen, dass der Mann korrupt gewesen sein sollte. Aber so etwas war einem ja leider nicht an der Stirn abzulesen. Dass Cotta ebenfalls zu solchen Polizisten zählen sollte, war dementsprechend ebenso schwer zu glauben.
Doch Mitchell und Kershaw schienen beide absolut überzeugt zu sein, wenn auch nicht ganz einig, bis zu welchem Grad Cottas Bestechlichkeit ging. Aber zählte das überhaupt? Wenn es wirklich stimmte, dass er Anzeigen im Sande verlaufen ließ oder sie herunterhandelte, war das ebenso schlimm, egal, ob er dafür bezahlt wurde oder nicht.
„Und die anderen? Donatelli? Morales und Devlin?“
Mitchell gab einen angewiderten Laut von sich.
„Na, ich denke mal, die machens auch. Cotta macht seine Sache ja nicht gerade geheim. Wer dann noch beschließt, trotzdem mit ihm befreundet zu sein, der zeigt ja eigentlich schon, dass Gleiches sich Gleiches sucht.“
„Das und es gibt noch ganz andere Probleme mit denen, aber das gehört nicht hierher.“ Kershaw schüttelte leicht den Kopf. „Wir dachten nur, du solltest es wissen. Wenns dich nicht stört, dann wollen wir dich nicht aufhalten. Aber eigentlich scheinst du ein guter Polizist zu sein. Oder warum bist du aus L.A. hierher gekommen?“
„Ventura“, verbesserte ihn Goodween abwesend. Jetzt erklärte sich auch Cottas Blick von gerade, als er ihn hier bei Mitchell und Kershaw gesehen hatte. „Aber ja, davor war ich in L.A.“
„Und du bist nun hier, weil…?“
Goodween sah Kershaw an und eine plötzliche Erkenntnis zuckte durch seinen Kopf. Cotta und sein Freundeskreis waren anscheinend korrupt. Aber Kershaw und Mitchell schienen ihm distanzierter, freundlich zwar, aber keine Personen, denen er etwas Privates anvertrauten wollte. Die Art von Kollegen, mit denen man sich über Grobes unterhielt und eigentlich nicht einmal wusste, wen man so genau vor sich hatte. Von denen man sich sicher war, dass man ihnen auch nichts Wichtiges erzählen sollte, wenn man nicht wollte, dass es bald die ganze Kollegschaft wusste.
„Familie“, log er. Die Ausrede hatte er sich schon gestern zurecht gelegt. „Meine Mutter wohnt hier und braucht mittlerweile ein bisschen Unterstützung.“
Im gleichen Atemzug tat es ihm leid, ein derart falsches Bild von seiner Mutter zu zeichnen, die alles andere als Unterstützung brauchte. Viel mehr half sie in mehreren ehrenamtlichen Tätigkeiten der Gemeinde aus. Aber wenn er eines fühlte, dann, dass er zu seinem eigenen Wohl mit Kershaw und Mitchell Themen wie Rassismus und Sexualität niemals anschneiden sollte.
Beide nickten verständnisvoll und fragten nicht weiter nach.
„Cotta kam auch aus L.A.“, sagte Kershaw. „Deshalb die Frage.“
Er atmete tief durch, stemmte sich auf die Beine und klopfte Goodween auf die Schulter.
„Halt dich einfach an uns, wenn du Fragen hast. Mich und Mitchell, Ford und Forrester. Eigentlich alle, die nicht um Cottas oder Donatellis Tisch herumstehen. Und dann wird das schon.“
Goodween blieb noch eine ganze Weile sitzen, selbst, nachdem beide bereits gegangen waren und fühlte sich elend. Er hatte eigentlich den Eindruck gehabt, sich wirklich gut mit Trevor und den anderen zu verstehen. Und er hatte definitiv das Gefühl, dass er sich mit Kershaw und den anderen nicht halb so gut verstehen würde. Aber es gab nur eine richtige Antwort, wenn er darüber nachdachte, welchen Kollegenkreis er wählen sollte.
Vielleicht sollte er Ford und Forrester noch einmal auf die Sache mit Cotta ansprechen. Nur um sicherzustellen, dass Kershaw und Mitchell nicht gelogen hatten.
An diesem Abend fiel er sehr viel nachdenklicher ins Bett als am gestrigen Tag und war leider auch nach einer Nacht mit kaum Schlaf zu keinem anderen Ergebnis gekommen, außer, dass er diesen Tag einfach normal angehen und die Sache mit der Korruption so gut es ging überprüfen sollte.
Trevor begrüßte ihn fröhlich im Treppenhaus und Goodween fühlte sich gleich schlecht, dass er nur mit einem kurzen, neutralen Nicken darauf reagierte. Vorgestern hatten sie sich außerordentlich gut verstanden. Trevor hatte ihm sogar Bilder von seinen Kindern gezeigt. Und so ein Polizist sollte korrupt sein? Oder zumindest korrupte Kollegen wissentlich zu seinen Freunden zählen?
Es machte Goodween Kopfschmerzen. Genau wie der Umstand, dass im Gegensatz zu gestern das Großraumbüro fast vollständig gefüllt war.
Nur für einen Moment verharrte er regungslos auf der Stelle. Seine Füße wollten ihn unwillkürlich ihn Richtung von Cottas Tisch führen, an dem besagter Polizist sich gerade an seinem Bildschirm vorbeilehnte, um Donatelli etwas zu erzählen, das diesen zum Lachen brachte.
Goodween zwang sich dazu, sich nach rechts zu bewegen, hin zu Kershaws Tisch, an dem Ford und Forrester lehnten und sich leise unterhielten.
Kaum, dass er sich für die Richtung entschieden hatte, spürte er regelrecht, wie sich zwei Blicke von der gegenüberliegenden Seite auf seinen Rücken hefteten und seinen Weg verfolgten. In der Reflexion der Fensterscheibe konnte er auch genau sehen, dass Cotta und Donatelli ihm tatsächlich nachsahen, die Augenbrauen zusammengezogen.
„Ah, Goodween!“, begrüßte ihn Forrester laut und rückte etwas zur Seite, sodass er die Karte von Rocky Beach auf Kershaws Bildschirm sehen konnte, auf der einige Orte rot umkreist waren. „Ich könnte einen zusätzlichen Officer zu Ford heute gebrauchen. Hast du Lust?“
Es war weniger eine Frage als vielmehr eine indirekte Aufforderung. Da Goodween aber eh mit ihnen reden wollte, nickte er gedankenverloren und zuckte kurz zusammen, als Ford ihm auf die Schulter schlug.
„Willst mal schauen, wie richtige Polizisten arbeiten?“
Er sagte es gerade laut genug, dass Goodween sich sicher war, dass Cotta es hören sollte.
Und er hörte es.
Goodween fing seinen kühlen Blick auf. Vermutlich wusste er, was Ford und Forrester ihm sonst noch erzählen würden und ärgerte sich entweder wie Goodween, dass sie beide und der restliche Freundeskreis nicht zusammenkommen würden aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansichten oder er hatte bereits begonnen, Goodween für sein vorschriftsmäßiges Verhalten ebenso zu verachten wie die anderen Kollegen.
„Ich bin auch ein richtiger Polizist, Jason“, versuchte Goodween die Wogen zu glätten, aber Ford lachte nur. Im Fenster konnte er sehen, wie Cotta schnaubend den Blick abwandte und den Kopf schüttelte, bevor er sich wieder in seine Arbeit vertiefte. Donatellis Lippen bewegten sich, Cotta nickte und seine Mundwinkel zogen sich zu einem grimmigen Lächeln.
„Ehrlich dann vielleicht eher, hm? Komm, Frank hat was ganz Feines für uns.“
Der Fall stellte sich – wie in Rocky Beach üblich – als kein Einsatz um Leben und Tod heraus. Lediglich eine Suchaktion in leichtem Nieselregen nach dem Handy eines Verdächtigen, das er hier oder an einem Ort abgelegt haben sollte.
Goodween versuchte an den ersten Stellen noch die Frage nach Cotta hinten anzustellen, doch als er schließlich ein schwarzes Smartphone unter einer Hecke hervorzog und Forrester das ganze mit einem „Ach, die Neuen haben immer mehr Glück!“ kommentierte, löste sich die Anspannung aus ihrer kleinen Gruppe etwas und er hielt den Moment für gekommen.
Ford spendierte eine Runde Kaffee am nächsten Diner und gemeinsam standen sie um Goodweens Einsatzwagen herum, um die Sonne zu genießen, die sich endlich entschieden hatte, hinter den Wolken hervorzukommen.
„Sagt mal“, begann er und stierte nachdenklich in seinen Becher. „Kershaw und Mitchell haben mich gestern zur Seite genommen…“
Frank und Jason tauschten einen langen, wissenden Blick aus.
„Wegen Cotta“, sagte Ford schließlich und Goodween nickte.
„Wegen Cotta.“
Forrester zog die Schultern hoch und lehnte sich etwas über das Autodach.
„Ihr scheint euch ja gut verstanden zu haben als du angekommen bist.“
„Ja, deshalb wollte ich auch wissen, ob es stimmt.“
„Dass Cotta korrupt ist?“ Ford schnaubte abfällig. „Definitiv. Er hat mich auch mal wegen eines Falles bequatscht. Ich solle doch mal fünfe gerade sein lassen und die Anzeige zurücknehmen. Hab ich nicht gemacht, aber plötzlich meinten dann auch noch Donatelli und Morales mich darauf ansprechen zu müssen und hey, ich weiß, wann ich in der Unterzahl bin.“
„Also hast du es getan?“
„Ich hab den Fall an Cotta abgegeben. Der kann seine Dinger ruhig ohne mich durchziehen.“
Forrester nickte.
„Bei mir das Gleiche. Angefangen hat das alles als Reynolds immer weniger Tage im Büro war und Cotta eine Menge seiner Fälle übernommen hat. Und seine Methoden vermutlich auch gleich mit. Also, wenn du es irgendwie verhindern kannst, dann lass dich von Cotta nicht zu einem Einsatz überreden. Sonst zieht der dich da noch mit rein.“
Mehr als ein „Hm“ bekam Goodween nicht über die Lippen. Er starrte immer noch in seinen Kaffee; sein Spiegelbild sah bedrückt zurück.
„Und das Ganze mal bei höherer Stelle zu Wort gebracht habt ihr nicht?“, fragte er schließlich doch noch.
Ford seufzte.
„Das bringt doch nichts. Was sollen sie schon machen? Vier Polizisten rauswerfen? Wir haben hier so einen Personalmangel, da würde das Revier zugrunde gehen.“
Faulheit also. Vielleicht nicht so schlimm wie Bestechlichkeit oder Korruption, aber wirklich damit prahlen konnte man auch nicht.
Goodween gab ein weiteres „Hm“ von sich und war mehr als froh, als sie zum Revier zurückfuhren und er gleich danach zur Streife geschickt wurde. Das Großraumbüro wollte er heute nicht mehr betreten, wenn es sich vermeiden ließ.
Am nächsten Tag grüßte Trevor ihn nicht mehr als sie sich in der ersten Etage über den Weg liefen. Ein kurzes Nicken und der Blick, den Goodween noch von gestern von Cotta kannte, waren alles, das er von Trevor bekam und antwortete mit der gleichen Geste. Als er sich wegen eines Falles kurz mit Morales unterhalten musste und Donatelli sich für ein paar Momente mit eigenen Informationen einklinkte, war er zumindest sicher, dass sie sich professionell austauschen konnten, doch von dem Funken, den Goodween am ersten Tag gespürt hatte, war nichts mehr übrig.
Mit Cotta sprach er die ganzen nächsten Tage nicht mehr, bis Goodween eines Mittags seinen Wagen auf dem Parkplatz parkte, nachdem er von einem kleinen Diebstahl in einem Lebensmittelgeschäft zurückgekehrt war und feststellte, dass er nun schon eine Woche hier war. Eine miese, ungemütliche Woche, die sich genauso schrecklich anfühlte, wie seine Schichten in Ventura.
Als zurück in das Großraumbüro trat, war es erschreckend leer. Mitchell brütete mit der Hand in den Haaren vergraben über einem scheinbar sehr schwierigen Bericht und Donatelli saß am anderen Ende des Raumes, ein Telefon mit der Schulter ans Ohr gepresst und fuhr sich mit einem lautlosen Seufzen über das Gesicht, während er mit der anderen Hand nach seinem Notizblock angelte.
Mit nicht wirklich viel Motivation hierzubleiben, trat Goodween wieder zurück auf den Flur und versuchte sich daran zu erinnern wo er hier den Getränkeautomaten gesehen hatte. Nach ein paar Minuten ziellosem Umherwandern fand er das laut brummende Ding endlich und zog sich ein Wasser.
Seufzend betrachtete er sein schwaches Spiegelbild im Fenster, während er ein paar Schlucke nahm und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum er sich eigentlich immer wieder Hoffnungen machte, nur um am Ende dann von ihnen enttäuscht zu werden. Aber die Welt war wohl einfach nicht so simpel, dass man sich gute und aufrichtige Kollegen wünschen konnte.
„Goodween!”
Er verschluckte sich beinahe an seinem Wasser als Cottas Ruf so unvermittelt durch den Flur hallte und drehte sich um. Cotta stand, einen Arm bereits in seinem Jackett, mit dem anderen noch mit dem Ärmel kämpfend hinter ihm und sah leicht gehetzt aus.
„Du bist gerade frei?”
Goodween nickte.
„Gut.” Cotta schaffte es endlich, sein Jackett anzuziehen und etwas von der Eile wich aus seinem Gesicht, um dem Ernst Platz zu machen. „Ich brauch dich als Verstärkung. Den Rest erklär' ich dir auf dem Weg.”
Da ihm eh nichts anderes übrig blieb, ließ Goodween sein Wasser auf der Fensterbank stehen, entschied sich alle Moral und Bedenken über jegliche Einsätze mit Cotta hinten anzustellen und sich darauf zu konzentrieren, dass im Moment jemand dringend ihre Hilfe brauchte.
Keine zwei Minuten später saß er am Steuer seines Wagens und versuchte Cottas spärliche Richtungsanweisungen zu befolgen, der über seinen Notizblock gebeugt neben ihm saß und wilde Notizen ergänzte und Altes durchstrich. Hin und wieder murmelte er etwas.
„Die versprochene Erklärung?”, schlüpfte es schließlich Goodween heraus und Cotta sah auf als würde er sich gerade daran erinnern, dass er nicht allein in einem magisch fahrenden Auto saß.
„Ach ja. - Du warst vorher Sozialarbeiter, oder?”
Vermutlich hatte Trevor ihm das erzählt. Goodween fühlte eine spontane Erleichterung, dass er ihm nicht noch mehr Privates erzählt hatte, das sonst nun seine Runde machen würde.
„Ähm, ja?”
„Gut. - Mit Kindern oder Jugendlichen?”
„Mit beidem eigentlich.” Goodween hatte das dumme Gefühl, dass ihm entweder irgendetwas Wesentliches entging oder er einfach nicht mit Cottas Gedanken mithalten konnte.
„Perfekt. Dann halt mich gleich davon ab, wenn ich drei Kindern den Hals umdrehen will. - Hier links.”
„Entschuldigung - wohin fahren wir?”
„Zu den drei Fragezeichen.”
Mit diesen ominösen Worten ließ Cotta ihn am Ende der Straße vor einem Haus anhalten, das seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten verlassen war. Ein typisches Familienhaus am Ende einer Sackgasse, mit den Jahren verwittert und mit eingeschlagenen Fensterscheiben, wie man sie häufiger in den ärmeren Vierteln der Städte sah - mit dem einzigen Unterschied, dass auf der alten Veranda drei Jugendliche standen, die alle nicht unterschiedlicher hätten sein können. Der kleinste von ihnen war ein blonder Junge, der die Ankunft des Polizeiwagens mit Unbehagen zu beobachten schien. Der stämmige, dunkelhaarige Junge neben ihm jedoch sah so aus als hätte er sie schon erwartet. Und der Größte von ihnen sah überhaupt nicht in ihre Richtung, sondern sah aus als wäre er mit dem Gesicht voran auf den Boden gefallen. Er hielt sich ein Taschentuch unter die Nase - vermutlich Nasenbluten. Hinter ihnen stand eine große, staubige Tasche.
Cotta grummelte bei dem Anblick etwas Unverständliches in sich hinein und Goodween glaubte, noch nie jemanden gesehen zu haben, der sich so wütend abschnallen konnte. Das war allerdings noch nichts im Gegensatz zu der Art und Weise, in der sich Cotta aus dem Sitz hob, die Tür zuknallte und mit geraden Schritten auf die drei Jugendlichen zuging.
Goodween zuckte für einen schrecklichen Moment der Gedanke durch den Kopf, dass Cotta vielleicht nicht metaphorisch gesprochen hatte, als er ‚erwürgen‘ erwähnt hatte.
Er hatte gerade die Hand am Gurt, als er Cottas Stimme donnern hörte.
„Ich habe euch doch gesagt, ihr sollt euch zurückhalten!”
Eigentlich hätte er gedacht, dass jeder bei dieser Stimmlage in sich zusammensinken würde, doch den dunkelhaarige Jungen schien das Ganze überhaupt nicht zu interessieren.
„Inspektor Cotta!”, begrüßte er ihn mit einem leichten Lächeln und Plauderton. „Wir haben lediglich gesagt, dass wir uns nicht mehr auf die Suche nach Lormann machen würden - dass wir nicht mehr nach dem Geld suchen, haben wir nie behauptet.”
„Dreh dir nicht deine eigenen Worte zurecht, Justus Jonas, und sag mir lieber, warum Peter aussieht als wäre er gerade in eine Prügelei geraten.”
Das war der Moment, in dem Goodween zu der Szene trat und gerade noch die etwas leisere Stimme des Jungen namens Peter hören konnte.
„Bin einfach nur hingefallen, Inspektor.”
Cotta betrachtete ihn für ein paar Momente kritisch und Goodween räusperte sich.
„Halt den Kopf lieber nach vorn. Dann läuft das Blut nicht in den Magen.“
Drei neugierige Blicke zuckten zu ihm und Peter nickte schließlich und sah stattdessen nach unten. Goodween reichte ihm noch ein Taschentuch und Cotta seufzte.
„Goodween, das sind die Drei Fragezeichen“, stellte er die Jungs mit Grabesstimme vor und massierte sich den Nasenrücken. „Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, denen ich allen Dreien die deutliche Anweisung gegeben habe, nicht weiter in diesem Fall zu ermitteln – nein, Justus, das und nur das habe ich gesagt!“
Justus klappte seinen Mund wieder beleidigt zu, ärgerte sich ein paar Sekunden und sah schließlich zu Goodween.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Officer.“
„Ebenso“, antwortete Goodween abwesend und betrachtete die Drei etwas genauer. Sie konnten nicht älter als vierzehn Jahre alt sein. Aber hatte Cotta nicht gerade etwas von ermitteln gesagt? Sein Blick glitt weiter zu der Tasche. Und hatte Justus nicht gerade etwas von Geld gesagt?
Cotta schien seine Verwirrung zu bemerken.
„Das sind Reynolds kleine Jungdetektive. Leider stecken sie ihre Nasen in Sachen, die viel zu groß für sie sind.“
„Aber wir lösen die Fälle dennoch“, versetzte Justus und warf sich etwas in die Brust.
Cotta grummelte etwas in sich hinein, verneinte die Aussage jedoch auch nicht.
„Dürfte ich Ihnen also vielleicht unsere Karte überreichen?“
Cotta gab ein leises „Nicht-“ von sich, doch Goodween hatte die ihm gereichte Karte schon entgegen genommen und studierte sie eingehend.
Kurz zuckten seine Mundwinkel, doch ihm kam die Situation zunehmend ernster vor als sie erschien.
Die drei Detektive
Wir übernehmen jeden Fall
Erster Detektiv: Justus Jonas
Zweiter Detektiv: Peter Shaw
Recherchen und Archiv: Bob Andrews
„Und Lormann ist…?", fragte er und sah wieder auf.
„Ach, ja. Das kannst du gar nicht wissen.“ Cotta fuhr sich nachdenklich durch die Haare. „Lormann hat vor vierzig Jahren einen ziemlich großen Bankraub mit Todesopfern hier verübt, wurde zwei Tage später jedoch gestellt. Wo er das Geld versteckt hat, hat er nie verraten. Er hat sich aber einen Spaß daraus gemacht, uns den Ort in Rätselform immer wieder anzubieten. Vor zwei Wochen ist er aus dem Gefängnis geflohen, seitdem fehlt von ihm und seinem Geld jede Spur. Aber letzteres ist ja wohl irgendwie in eure Hände geraten, Justus.“
Justus strahlte.
„Wir sind in den Besitz eines alten Tagebuchs von Lormann gekommen, das uns letztendlich hierhin zu seinem Elternhaus führte und dort -“
„Und dort habt ihr das große und sehr prominente Schild, dass unerlaubtes Betreten verboten ist, nicht gesehen, oder wie?“
Das schien Justus kurz aus dem Konzept zu bringen, doch noch bevor er sich eine Antwort ausdenken konnte, nickten Bob und Peter schon verlegen.
„Es musste halt schnell gehen“, gab Justus etwas leiser zu. „In dem Tagebuch stand etwas von-“
„Jajaja, so genau will ich das gar nicht wissen.“ Cotta hob beide Hände, ging an den drei Jungen vorbei und vor der Tasche in die Hocke. Kaum, dass er sie ein paar Zentimeter öffnete, quollen auch schon einige Bündel Dollarscheine heraus.
Goodween konnte sich einen leisen Fluch nicht verkneifen.
„Das ist das Geld vom Bankraub, denke ich mal.“
„Sehr vermutlich sogar alles. Lormann scheint sehr pragmatisch zu sein; mehr als eine Tasche hätte er nicht benutzt“, informierte Justus sie beide.
„Und Lormann? Dem seit ihr seit letzer Woche nicht nochmal über den Weg gelaufen?“
Als niemand antwortete, wandte Cotta den Kopf mit einem höchst alarmierten Blick in die Richtung der drei Jungs, die nun - endlich - etwas darunter zusammenschrumpften.
„Also war er doch hier. - Was ist passiert? Jetzt bitte die Wahrheit, Jungs!“
„Er war hier“, gab Bob schließlich zu, sah dabei jedoch eher den Boden an als Cotta. „Aber er ist geflohen als wir ins Haus gekommen sind. Ich glaube, er hat nicht mitbekommen, dass wir -“
„Noch Kinder sind?“
„Jugendliche, bitte.“
Cotta knurrte Justus unverständlich an, doch sein Blick zuckte weiter zu Peter.
„Und du, Peter? Bist du wirklich hingefallen oder war das Lormann?“
Goodween glaubte für ein paar Momente so etwas wie ein gefährliches Feuer in Cottas Augen aufflackern zu sehen, doch es erlosch zu Erleichterung als Peter leicht den Kopf schüttelte.
„Ich bin wirklich nur hingefallen als ich Lormann verfolgen wollte.“
„Gut.“ Seufzend stemmte sich Cotta wieder in die Höhe, reichte Goodween die Tasche und bat ihn, sie schon mal ins Auto zu bringen. Er wollte sich noch schnell den genauen Fundort ansehen und ob die drei Fragezeichen nichts übersehen hatten.
Justus hatte mit seinem Kommentar, dass sie natürlich nichts übersehen hatten Recht und Cotta, der mittlerweile über seine Erleichterung hinweggekommen und wieder zum mürrischen Starren übergegangen war, trat wenig später mit den Jungs wieder auf die Veranda.
Goodween lehnte sich leicht über das Wagendach, um gerade noch mitzubekommen, wie Cotta die drei Fragezeichen fragte, ob sie sie nach Hause bringen sollten. Als das mit dem Verweis auf ihre Fahrräder verneint wurde, seufzte Cotta, nickte aber schließlich und wies alle drei an, sich morgen früh bei ihm auf dem Revier zu melden, damit sie ihm alle Einzelheiten des Falls erzählen konnten.
Enthusiastisch verabschiedeten sich die Jungs von Cotta, Goodween winkte ihnen noch einmal zum Abschied und versuchte Cottas gemurmeltes Gefluche zu überhören, während er sie wieder Richtung Revier steuerte.
Sie hielten gerade an einer roten Ampel als sich Cotta über das Gesicht fuhr. Er sah mit einem Mal sehr müde aus. Für ein paar Momente schaute er schweigend aus dem Fenster, dann wandte er sich zu Goodween, der Blick plötzlich wieder reserviert und vorsichtig.
„Wenn ich morgen den Bericht schreibe, nachdem die drei Fragezeichen da waren… könnten wir das mit dem 'Betreten verboten'-Schild vielleicht… übersehen? Die Jungs sind keine üblen Kerle, sondern wollen wirklich nur helfen. Normalerweise versuche ich ihnen Probleme zu ersparen.“
Goodween hatte mit vielem gerechnet, damit jedoch nicht. Aber die Drei waren noch jung – und sie hatten zugegebenermaßen auch einen unglaublichen Fund gemacht. Und ganz offiziell hatten sie ja auch nur zugegeben, dass sie das Schild übersehen hätten – selbst, wenn jedem Anwesenden klar gewesen war, dass sie es ignoriert hatten.
Er öffnete gerade den Mund, um zuzustimmen als die Erkenntnis einmal quer durch seinen Kopf und über sein Gesicht zog.
Er starrte Cotta an - der sah ratlos zurück.
„Das ist die Korruption?“, fragte Goodween nach ein paar Sekunden.
Cotta brauchte einen Moment, bis er seinerseits zu Goodween aufholen konnte, doch dann zuckte so etwas wie ein Grinsen in sein Gesicht. Mit einem atemlosen Lachen ließ er den Kopf gegen die Lehne fallen und schloss für einen Moment die Augen.
„Das hat Kershaw dir erzählt, hm? Dass ich korrupt bin.“ Er schüttelte leicht den Kopf.
Goodween, dem mit einem Mal eine Menge klar wurde, starrte ihn ein paar Sekunden länger an, bis das Auto hinter ihnen kurz hupte und ihm auffiel, dass die Ampel längst auf grün stand. Schnell schossen sie über die Kreuzung, doch gleich nachdem sie die Ampel hinter sich gelassen hatte, drosselte Goodween das Tempo, bis es gerade noch annehmbar war. Das gab ihm allerdings die Gelegenheit, um gefahrlos zu Cotta zu sehen.
„All die Anzeigen, die du heruntergeregelt hast, gingen gegen Justus und seine Freunde?“
„Jede. Einzelne.“, stimmte Cotta zu, der immer noch die Augen geschlossen hatte und sich gerade erneut in den Nasenrücken kniff. Von Zeit zu Zeit lachte er leise. „Sie haben ein ganz besonderes Talent, sich Ärger einzuhandeln ohne es zu wissen.“
„Und die Beweismittel und Ermittlungsstände, die-“
„Ja, die gehen auch an die Jungs. Alles, was ich für wichtig, aber nicht zu gefährlich halte. Das hält die Drei nämlich davon ab, auf eigene Faust zu recherchieren und sich in Gefahr zu bringen.“
Cotta öffnete endlich wieder seine Augen und sah Goodween an. Zum ersten Mal seit einer Woche ohne die deutliche Abneigung in seinem Blick.
Goodween musste unwillkürlich lächeln.
„Und Frank und Jason hast du demnach also auch nicht zur Korruption anstiften wollen, sondern nur nachgefragt, ob sie ihre Anzeigen gegen die Jungs fallen lassen können?“
Cotta schnaubte lachend und nickte.
„Es geht immer um die drei Fragezeichen. - Die hab’ ich von Reynolds geerbt. Tolles Geschenk, wirklich. Ich hab selten so schlecht geschlafen. Diese Woche haben sie mich mitten in der Schicht angerufen, sie würden Lormann verfolgen. - Du kannst dir nicht vorstellen, wie schnell ich sie in den Dienstwagen gesteckt habe, bevor Lormann sie entdeckt. Unter großem Protest natürlich. Lormann ist entkommen, aber mir war erst einmal wichtig, dass die Jungs in Sicherheit sind. Die wären am liebsten persönlich hinter ihm her.“
Cotta seufzte lang und tief. Schließlich schüttelte er noch einmal den Kopf.
„Ich bin ein guter Polizist“, sagte er und sah Goodween entschlossen an. „Es ist vielleicht nicht ganz vorschriftsgemäß, aber Reynolds hat ihnen nun einmal diesen Juniordetektivausweis gegeben und mich persönlich darum gebeten, ein Auge auf die Drei zu haben. Was soll ich tun? Ich kann sie schlecht in ihr Verderben laufen lassen. Wenn Samuel sie nicht bändigen konnte, kann ich das mit Sicherheit auch nicht.“
„Und… gegenüber anderen Fällen hast du nicht mal ein Auge zugedrückt?“
Cotta verdrehte die Augen zur Decke.
„Nein. Kershaw und ich, wir… naja, wir haben unsere Differenzen. Er hasst die drei Fragezeichen und mich vermutlich auch. Deshalb nimmt er die Situation gern als Vorwand, um mir Korruption vorzuwerfen.“
„Naja, hat ja offensichtlich geklappt“, sagte Goodween reuevoll. Und nach einer weiteren Pause: „Tut mir leid.“
Cottas Mundwinkel zuckten und schließlich belohnte er Goodween mit einem aufrichtigen Lächeln.
„Alles gut. Wir haben uns auch nicht gerade mit unserem Verhalten mit Ruhm bekleckert oder versucht, noch mal mit dir zu reden. Wir waren nur ein bisschen angefressen, dass wir dich an die andere Fraktion verloren haben. Dachten schon, du wärst genauso spaßbefreit und zugeknöpft wie Kershaw.“
Nun musste Goodween wirklich lachen.
„Ja, den Spaß habe ich diese Woche bei Mitchell und Co auch vergeblich gesucht.“
Es breitete sich Schweigen im Wagen aus. Goodween tat so als würde er sich ausgiebig auf den Verkehr konzentrieren und Cotta sah aus dem Fenster, scheinbar in Gedanken versunken. Er war es auch, der die Stille schließlich wieder brach.
„Also verbringst du deine Zeit in Zukunft wieder mit uns? Selbst, wenn Kershaw und die anderen dir vorwerfen werden, dass ich dich zur Korruption verleitet habe?“
Goodween schoss der nicht sehr professionelle Gedanke durch den Kopf, dass Cotta ihn zu einer Menge verleiten könnte. Vor allem, wenn er so ausgestreckt und entspannt auf dem Beifahrersitz saß. Doch er nickte lediglich und sagte:
„Das werde ich schon aushalten. Solltest du in Zukunft versuchen, mir wirkliche Korruption anzudrehen, habe ich immer noch deinen Vornamen, um mich dagegen zu wehren.“
Cotta stöhnte.
„Du hast ihn im internen Netzwerk nachgeschlagen?“
„Ich war halt sauer auf dich und deine angebliche Korruption.“
Cotta lachte leise. Ein Geräusch, an das sich Goodween durchaus gewöhnen konnte.
„Ah, Goodween ist wieder da!“, begrüßte ihn Donateli breit grinsend als sie das Büro betraten und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Trevor und Morales sahen überrascht auf. Ganz so offen wie Robert schienen sie aber nicht zu sein, denn ihre Blicken zuckten fragend zu Cotta.
„Üble Nachrede“, sagte dieser nur und deutete auf sich selbst.
„Ich frag mich von wem“, überlegte Robert laut genug, dass Mitchells grimmiger Blick kurz über seinem Bildschirm erschien und zu ihnen herüber blitzte.
Cotta deutete erst auf die Tasche und dann auf ein leeres Zimmer, wo er sie auf dem Tisch ablegte. Die anderen Drei folgten ihnen mit neugierigem Blick.
Als Trevor und Morales den Raum betraten, schienen sie die Erklärung von Cotta als ausreichend empfunden zu haben, denn nun lächelten auch sie.
Trevor zog sogar entschuldigend die Schultern hoch.
„Dann musst du dich darauf gefasst machen, dass du jetzt als genauso korrupt giltst wie wir alle.“
Beinahe feierlich sagte er es und Goodween grinste.
„Hat Cotta mir schon gesagt, keine Sorge.“
„Wird nicht besser durch die Tatsache, dass ihr Lormanns Beute mitgebracht habt, so wie es aussieht“, sagte Robert nach einem kurzen Blick auf den Inhalt der Tasche und Cotta nickte. „Ich kann die Gerüchte schon jetzt hören, dass ihr euch was in die eigene Tasche gesteckt habt…“
Goodween sah erschrocken zu Cotta.
Der winkte ab.
„Kershaw wirds behaupten, aber Beweise hat er nicht. Mach dir keine Sorgen. Das Ganze wird nicht nach oben durchkommen.“
„Und selbst wenn, dann stehen wir hinter dir“, fügte Morales hinzu und sah ihn aufmunternd an.
„Hat Cotta euch alle angeblich korrupt gemacht, oder was?“, fragte Goodween und sah in die Runde.
Cotta lachte leise, doch Donatelli schüttelte den Kopf.
„Da hat Kershaw dir vielleicht nicht alles verraten, was er eigentlich denkt. Die Korruption kann er nur gut vorschieben, um sich selbst nicht als absoluter Vollarsch zu outen. Die haben alle ganz eigene Gründe.“
Interessiert hob Goodween eine Augenbraue.
„Korruption“, antwortete Cotta, während er sich Handschuhe überzog und begann die Unmengen an Geld aus der Tasche zu heben. „Aber das weißt du ja schon. Ich mache mir mit den Drei Fragezeichen aber auch sonst keine Freunde hier im Kollegenkreis. Oder damit, dass ich gut mit Reynolds konnte."
„ISIS“, sagte Donatelli und deutete auf sich.
Goodween sah ihn äußerst verwirrt an.
„Irgendwer muss überhört haben, dass meine Eltern aus dem Irak kommen und hat seine eigenen Schlüsse gezogen. Ich bin der böse, böse muslimische Einwanderer aus dem Osten, der euch alle in die Luft jagen will.“
„Bist du nicht in Neapel geboren?“, fragte Trevor nachdenklich.
„Das ist denen doch egal.“ Robert machte eine unbestimmte Handbewegung in Richtung Großraumbüro und begann Cotta beim Zählen zu helfen. „Die meisten Amerikaner wissen doch nicht mal, wo Italien liegt. - Nicht wahr, Cotta? Non capisci una parola di quello che sto dicendo, vero?”
Cotta sah aus als hätte ihn jemand gerade nach dem Sinn des Lebens gefragt. Eine Mischung aus Verwirrung, Verzweiflung und erschöpfter Aktzeptanz.
„Unser guter Cotta spricht trotz seines Nachnamens kein Wort Italienisch”, setzte ihn Robert grinsend ins Bild und Goodween sah es zwar nicht, war sich aber beinahe sicher, dass Cotta versuchte Robert gegen das Schienbein zu treten, denn der wich etwas mit einem Lachen aus.
„Und was ist mit euch?“, fragte Goodween an Trevor und Jack gewandt. „Was wirft man euch vor?“
Morales verdrehte die Augen. „Die wildesten Sachen. Trevor ist zwar das Klischee eines amerikanischen Polizisten -“
„Hey!“
„War ja nicht böse gemeint, Trevor. Zwei Kinder, ein Haus in der Vorstadt und am Wochenende gehts raus zum Camping. Aber…“ Morales sah zu Trevor, der den Kopf leicht auf die Seite legte und mit den Schultern zuckte.
„Ich habe den schwerwiegenden Fehler begangen zu erzählen, dass ich nicht religiös bin. Und ich habs gehasst bei Kershaw in der Gruppe, ganz einfach.“
Goodween grinste und sah zu Morales.
Der hob beide Schultern.
„Ich wurde tatsächlich angeblich von Cotta korrumpiert. Dass ich nächste Woche meine Prüfung zum Sergeant habe, ist auch nur, damit ich besser seine Verstößen verschleiern kann.“
Cotta schüttelte stumm den Kopf, kommentierte das Ganze jedoch nicht.
„Man kann es ja sagen, wie es ist“, sagte Trevor, während er eine Kamera aus dem Schrank holte und sie vorbereitete. „Wir sind die Außenseiter-Gruppe. Aber dafür sind wir zumindest auch wirklich befreundet.“
„Scheinbar nicht gut genug befreundet, als dass ihr freiwillig zu einem Einsatz mit den Fragezeichen fahren würdet!“, knurrte Cotta, nicht sehr überzeugend beleidigt.
„Ein guter Freund würde so etwas gar nicht erst von seinen Freunden verlangen, Cotta", erwiderte Robert.
„Ich hab schon zwei Kinder, drei mehr kann ich nicht gebrauchen“, ergänzte Trevor und Morales nickte zustimmend.
„Mir reichen meine Neffen und Nichten auch schon."
„So schlimm fand ich die Drei gar nicht“, warf Goodween ein und Cotta warf ihm einen dankbaren Blick zu.
„Da hört ihrs“, sagte er und legte eine Hand auf Goodweens Schulter. „So hört sich ein guter Freund an. - Dann kann ich auf dich zählen, wenn die Drei wieder einen Fall anschleppen?“
„Klar“, grinste er und Cotta lächelte, drückte seine Schulter.
„Willkommen in Rocky Beach, Goodween.“
