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Archive Warning:
Category:
Fandom:
Relationship:
Characters:
Language:
Deutsch
Series:
Part 2 of All the Young Dudes - deutsche Übersetzung
Stats:
Published:
2022-09-04
Completed:
2022-09-13
Words:
8,741
Chapters:
2/2
Comments:
4
Kudos:
62
Bookmarks:
3
Hits:
1,841

Out of the Blue

Summary:

MsKingBean89 schrieb diesen Epilog als Bonus/Geschenk für alle, die All the Young Dudes gerne gelesen haben, aber vor allem für diejenigen, die wissen wollten, was mit Grant, dem OC aus der Fanfiction, passiert ist.

Spielt in 2016.

Notes:

Chapter Text

April 2016, Brighton

„Oh mein Gott, mein Held! Hast du überhaupt eine Ahnung, wie sehr ich dich liebe?“ Marcus strahlte Grant an, als wäre er eine Oase in einer Wüste. Was er in diesem Moment auch irgendwie war.

„Magermilch, kein Zucker“, grinste Grant, drückte sich durch die Menge und stellte den Kaffeebecher auf der Theke ab. „Wie läuft’s?“

„Viel los!“ Marcus nickte, hob den Kaffee zu seinen Lippen und nahm ein paar dankbare Schlucke. „Ich weiß, ich hab hier irgendwo Mitarbeiter, aber ich habe seit Stunden nur Kunden gesehen.“

„Jamie sollte bald da sein, ich hab es ihn versprechen lassen.“

„Oh gut, Atif und Jon sind hinten im Lager, wenn du hallo sagen willst? Wie war dein Morgen?“

„Ja, in Ordnung. Papierkram. Wäre lieber hier.“ Grant sah sich in dem vollgepackten Laden um.

Schallplatten-Tag fühlte sich für Grant noch ziemlich neu an, aber er war vollkommen dafür, wenn es bedeutete, dass der Laden so voll war. Wenigstens ihre Finanzen würden diesen Monat schwarz sein. Grant dachte nicht, dass er jemals einen Tag erleben würde, an dem Plattenläden aufhören würden, Geld zu machen, aber das war eben das einundzwanzigste Jahrhundert.

Genug Musikgeschäfte schlossen endgültig, aber sie hatten das nicht vor. Der Ort war zu besonders für Marcus – er hatte ihn mit seinem Partner John in den späten Achtzigern eröffnet. Nachdem John gestorben war, lange bevor Grant auf der Bildfläche war, hatte Marcus geschworen, dass er ihn als Erinnerung weiterführen würde. Das war eines der Dinge, die Grant an Marcus liebte. Er hielt sich an Versprechen, auch wenn es rührselige waren.

Er und Grant hatten sich 1999 bei einem unglaublich peinlichen Blind Date getroffen. Sie hatten einen gemeinsamen Freund, der sie anscheinend seit Ewigkeiten verkuppeln wollte. Grant war zuerst zögerlich; er war zu diesem Zeitpunkt seit Jahren single gewesen und es passte ihm – aber er gab ihm eine Chance, und gottseidank hatte er das, denn Marcus war, mit einem Wort, perfekt. Italienisches Aussehen (von der Seite seiner Mutter) und isländische blaue Augen. Große Hände. Er war ein wenig jünger als Grant, aber das Alter war kein Problem. Bei dem Date hatten sie über Musik und die Achtziger gesprochen, und darüber jemanden zu verlieren, den man so sehr geliebt hatte. Und sie waren heimgegangen und hatten sich auf der Couch befummelt wie Kinder. Kurz gesagt, es war Liebe auf den ersten Blick. Und Grant glaubte normalerweise nicht an diese Art von Schwachsinn.

Er gab Marcus einen Kuss auf die Wange, dann steckte er seinen Kopf in den winzigen Lagerraum. „Alles klar, Jungs?“

Zwei Teenager saßen auf den Boden, einer sortierte einen Stapel Quittungen und kratze sich am Kopf, der andere stempelte ‚Kauf 1 Krieg 1 Gratis!‘-Etiketten auf die Vinylhüllen.

„Hiya, Dad!“ Atif sah auf und grinste ihn an.

Grants Herz schwoll an – das passierte jedes Mal, wenn einer seiner Jungs ihn ‚Dad‘ nannte. Sie mussten das nicht, er hatte sie nie danach gefragt. Aber er und Marcus kümmerten sich jetzt seit zwei Jahren um Atif, seit er vierzehn war, und er hatte am Anfang so viele Schwierigkeiten gemacht, dass Grant sich wirklich fühlte, als hätte er den Titel verdient. Jon war erst seit einem Monat bei ihnen und war ein bisschen jünger als Atif, also sah er nur auf und nickte. Grant lächelte ihn an. Jon war schüchtern und sehr süß, bis er seine Beherrschung verlor.

„Habt ihr Spaß?“

„Oh ja, es ist ein richtiger Heidenspaß hier“, sagte Atif frech. Grant lachte; er liebte Teenager, sie beschissen einen nie.

„Macht weiter mit der guten Arbeit – ihr könnt um Eins aufhören, nach vorne kommen und ich geb euch ein wenig Geld.“

Er überließ sie ihrer Arbeit. Sie mochten das; dass ihnen vertraut wurde, allein gelassen zu werden, sich selbst zu beaufsichtigen. Grant fand meistens, dass sie besser arbeiteten.

Als er zum Verkaufsraum zurückkam, war Jamie schon aufgetaucht und hatte die Kasse übernommen. Marcus stand hinter ihm und telefonierte, eine Hand über seinem anderen Ohr, um den Lärm abzuschirmen. Grant klopfte Jamie auf den Rücken und bekam einen mürrischen Blick zurück. Jamie war siebzehn und fast zu alt für ein Pflegekind. Er hatte seit er zwölf war immer ein paar Wochen im Jahr bei ihnen gelebt und jedes Mal schien er eine neue Reihe an Problemen zu haben. Aber er respektierte sie, größtenteils, und tat gewöhnlich, worum er gebeten wurde.

Grant half Jamie, übernahm das Einpacken der Platten, als sie abkassiert waren, und bot ein freundliches Lächeln an, wenn der die Tasche übergab.

Marcus beendete sein Telefongespräch und tippte Grant auf die Schulter. „Babe, das war Janine, vom Büro.“

„Gott“, Grant seufzte, „noch ein Notfall?“

„Fürchte ja – sechs Jahre alt. Sie haben ihn allein zuhause gefunden – seine Eltern nicht erreichbar. Könnten ein paar Nächte sein.“

„Sechs ist ein wenig jung.“ Grant zog die Augenbrauen zusammen, während er weiterhin Platten einpackte. „Sie wissen, dass wir schon drei haben.“

„Er kann auf dem Klappbett in deinem Büro schlafen. Oder Jamie in ein Zimmer mit—“

„Ich werde nicht Zimmer wechseln“, grummelte Jamie, ohne überhaupt von der Kasse aufzusehen. Marcus und Grant tauschten einen Blick miteinander aus. Grant zuckte mit den Schultern.

„Dann also das Klappbett. Soll ich gehen?“

„Ich gehe, ich habe den Autoschlüssel. Ist es okay für dich, hier die Stellung zu halten?“

„Mit Jamie hier? Absolut.“ Grant grinste und klopfte Jamie noch einmal auf den Rücken. Der Teenager schüttelte ihn ab, aber Grant sah ihn auch lächeln.

Sie kamen eine Weile miteinander aus, das Kartengerät spann, aber Jamie war sowieso der Einzige, der wusste, wie man es wieder hinkriegte. (Er hatte letztes Jahr auch ihr WLAN eingerichtet und Grant hatte noch immer keine Ahnung, wo der Router war.) Es war eine angenehme Art, den Samstag zu verbringen, dachte er glücklich. Zeit mit den Jungs zu verbringen, die Verrücktheit der zweihundert Hipster von unten aus London, die den Shop füllten, zu genießen. Es war wie die Carnaby Street einmal gewesen war – laut und bunt und voller junger Leute. Dann, aus dem Nichts—

Sehr lustig, Lupin!“, erklang eine Mädchenstimme hinten im Laden.

Grant fror ein, all seine Haare auf dem Arm standen auf. Jesus Christus, es war, als wäre jemand über sein Grab gegangen. Er schüttelte sich – er wollte nicht an Gräber denken. Aber dieser Name! Er war kaum geläufig… er spähte durch den Laden, aber es war zu voll, um jemanden zu erkennen. Er hatte seine Brille daheim gelassen – Marcus sagte ihm immer wieder, er sollte sich um eine Laseroperation kümmern, aber wann hätte er die Zeit dazu? Es war schrecklich, alt zu werden.

„Hey“, Jamie stupste ihn mit seiner Turnschuhspitze an. „Hey, hörst du mir zu?!“

„Sorry Kumpel, was?“ Grant schüttelte seinen Kopf.

„Ich hab gesagt, ob du übernehmen kannst? Ich muss pissen.“

„Ja, geh schon“, nickte Grant, noch immer ein wenig abgelenkt. Der Teenager verdrehte seine Augen und schlurfte ins Hinterzimmer, während er etwas darüber murmelte, dass Grant senil wurde.

Grant ordnete seine Gedanken und lächelte den nächsten Kunden an. „Alles zu ihrer Zufriedenheit?“

Es war viel zu betriebsam, als dass Grant anfangen konnte sich zurückzuerinnern, was gut war, denn Grant versuchte das möglichst zu vermeiden. Es war das Beste, sich weiter nach vorne zu bewegen, das war auch, was er seinen Jungs erzählte.

Er bediente die nächsten fünf oder sechs Kunden mit Leichtigkeit, hielt ein Ohr offen für einen Aufruhr im Hinterzimmer und ging im Hinterkopf eine Liste für den neuen Jungen durch. Sie hatten definitiv saubere Bettwäsche zur Verfügung – das musste man als Pflegefamilie, jemand konnte zu jeder Minute auftauchen. Es war die Kleidung, um die er sich Sorgen machte – davon abhängig, wie groß das Kind war, könnte es ein Problem werden, saubere Jeans zu finden, die ihm passten.

Er entschloss sich, Atif und Jon in ihrer Mittagspause zu dem großen Tesco zu schicken, um zu schauen, ob sie ein paar Sachen dort kaufen konnten. Allerdings, wenn er das tat, musste er sichergehen, eine sehr klare Liste zu schreiben und nach der Rechnung zu fragen. Grant machte es nichts aus, wenn sie ein wenig für Dinge wie Süßigkeiten oder Snacks ausgaben, aber Atif hatte eine kleine Vorgeschichte damit, Geld für ein bisschen weniger legale Dinge einzustecken. Es war eine Weile vergangen, seitdem das Kind das letzte Mal mit dem Gesetz zusammengestoßen war, aber Grant war immer vorsichtig, denn—

„Nur die, bitte.“ Die nächste Person in der Schlange schob drei Platten über den Verkaufstresen und Grants Herz setzte einmal aus. Diese langen Finger, knubbelig an den Knöcheln. Der große, schlaksige Körperbau, als wäre er eines Nachts 25 Zentimeter gewachsen und nicht daran gewöhnt; der Adamsapfel, die grün-grauen Augen. Grant wusste, dass es komplett verrückt war, aber er konnte nicht anders:

„Remus!“

Aber das war nicht Remus – wie könnte er es sein? Zum einen war Remus Lupin seit fast zwei Jahrzehnten tot. Zum anderen war dieser Mann viel zu jung – kaum ein Erwachsener. Und er hatte hellblaue Haare, und Remus Lupin hätte sich in einer Million Jahre nicht die Haare gefärbt – es hätte zu viel Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt.

„Wie haben Sie mich genannt?“ Der junge Mann warf ihm einen seltsamen Blick zu. Grants Mund öffnete und schloss sich ein paar Male, bevor er wieder zu Sinnen kam.

„Entschuldigung!“, sagte er. „Dachte, Sie wären jemand anderes – war ein langer Tag! Lass uns die hier abkassieren, sollen wir…“ Er nahm die Platten, fühlte sich überall heiß und kalt.

Glücklicherweise fragte das blauhaarige Kind ihn nicht noch einmal nach – seine hübsche, blonde Freundin zerrte an seinem Arm, also gingen sie relativ schnell. Grant konnte sich nicht dazu überwinden, den Jungen noch einmal genauer anzusehen; es war viel zu gruselig.

Jamie tauchte wieder an seiner Seite auf, gemeinsam mit den anderen beiden.

„Können wir jetzt Mittag essen gehen?“, fragte Atif.

Grant hörte ihn nur halb, es war, als wäre sein Gehirn plötzlich langsamer geworden und alles, was er hören konnte, war ‚Wie haben Sie mich genannt?‘, und alles, was er sehen konnte, war dieser skeptische, abgeschreckte Gesichtsausdruck, den Grant so gut kannte, dass es fast wehtat.

„Dad? Hey! Dad?“ Atif wedelte eine Hand vor Grants Gesicht.

„Was? Geh schon, du kleiner Strolch.“ Er schmunzelte liebevoll.

„Geht’s dir gut?“ Die drei Jungs sahen ihn seltsam an. „Du bist ganz blass und komisch geworden.“

„Bin ich?“ Grant hob eine Hand und fuhr sich durch die Haare – nur hatte er jetzt quasi schon eine Glatze und alles, was er spürte, war seine eigene klamme Haut.

„Wahrscheinlich die Hitze“, sagte Atif. „Willst du Wasser?“

„Danke“, nickte Grant dankbar.

„Ich übernimm die Kassa“, sagte Jamie plötzlich und schubste ihn aus dem Weg. „Geh und setz dich, G-Man.“

* * *

„Alles okay?“, fragte Marcus gähnend, als sie an diesem Abend ins Bett gingen.

Es war fast elf, aber Marcus war Ewigkeiten auf der Polizeistation festgesteckt, während sie alles mit dem neuen Kind klärten – Kieron. Sie hatten beide das Abendessen verpasst, was den ganzen Haushalt durcheinandergebracht hatte, und als sie zurückkamen, war Grant gerade mitten dabei, den dritten Weltkrieg zu beenden – Atif und Jamie stritten sich ständig darüber, wer dran war, auf der Playstation zu spielen.

„Todmüde, aber das ist nichts Neues“, erwiderte Grant. Er setzte sich auf, mit der Brille am Kopf, und ging Kierons Notizen durch. „Sie haben seine verdammte Schule nicht aufgelistet, wie sollten wir ihn am Montag dorthin bringen?!“

„Ich ruf Janine in der Früh an.“ Marcus gähnte noch einmal. Er legte sich hin und schloss seine Augen.

„Ist er gut angekommen?“

„Ja, aber er hat Angst vor der Dunkelheit, denke ich“, kommentierte Marcus. „Ich habe die Lampe brennen lassen und hab gesagt, es sei für den Fall, dass er lesen will. Wie auch immer, bist du okay?“

„Ja, hab ich doch gesagt“, murmelte Grant, während er noch immer durch die Papierstücke blätterte, die in Kierons Fallakte waren. Er ging sie immer von vorne bis hinten durch und in den meisten Fällen waren sie wie dieser; zusammengetackert und mit Büroklammern zusammengehalten, krakelige Handschrift, fehlende Unterschriften. Es machte Grant verrückt, kein Wunder, dass so viele Kinder durch die Lücken rutschten.

„Atif sagte, du hattest eine komische Anwandlung im Laden.“

„Was? Nein, ich war nur… ah, es ist nichts.“

„Brauchst du eine Pause?“ Marcus rollte sich auf die Seite und stützte sich mit dem Ellbogen auf.

„Nein, ich liebe das Leben.“

„Babe, du lädst dir viel auf, weißt du – Ich weiß, es macht dich glücklich, aber in deinem—“

„Sag ‚in deinem Alter‘ und ich ersteche dich mit diesem Kugelschreiber“, drohte Grant, nahm seine Brille ab und legte die Papiere auf den Nachttisch. „Ich fühle mich so fit wie mit zwanzig. Fitter eigentlich, ich war ein Alkoholiker mit zwanzig.“

„Mmh, und jetzt bist du nur ein Workaholic“, sagte Marcus. Grant warf ihm einen Blick zu und Marcus hob seine Hände. „Ich weiß, ich weiß, die Jungs zählen nicht als Arbeit. Aber trotzdem, wenn du mitten am Tag fast umkippst—“

„Ist das, was er gesagt hat?“ Grant lachte. „Diese kleine Dramaqueen! Gott, ich dachte nur, ich hab jemanden gesehen, das ist alles, hat mich überrascht. Jedenfalls war er es nicht, ich hatte meine Brille nicht auf.“

„Wen?“

„Hm?“

„Grant. Wen dachtest du, dass du gesehen hast?“

Grant seufzte. Er schlüpfte ins Bett und rieb seine müden Augen. „Remus.“

Marcus sagte nichts. Grant öffnete seine Augen und drehte sich, um ihn anzusehen. Er hatte eine Miene, als versuchte er, die verständnisvollsten und verantwortungsbewusstesten Worte zu finden.

„Schau, ich hab dir gesagt, dass es nichts ist. Nur ein dummer Fehler. Erinnerst du dich daran, wie du mir erzählt hast, dass du Stephen Fry in Asda gesehen hast, aber im Endeffekt hat es sich rausgestellt, dass es nur eine sehr große Lesbe war?“

Marcus schnaubte. „Okay, na gut. Trotzdem, das muss ein wenig seltsam gewesen sein?“

„Ja, war es. Aber es war nur ein Irrtum.“

„Was hatte er an sich? Die Person, mit dem du ihn verwechselt hast, meine ich?“

Marcus wusste nicht, wie Remus ausgesehen hatte. Das war nicht Grants Schuld; er hatte keine Fotos von ihrer gemeinsamen Zeit, sie waren noch immer in der Wohnung, sofern er wusste. Und nichts könnte Grant dazu überzeugen, wieder dorthin zurückzugehen. Zusätzlich war Grant schrecklich darin, Leute zu beschreiben, also war alles, was Marcus wusste: ‚Keine Ahnung, größer als ich, lockige Haare.‘

„Oh, einfach irgendetwas an ihm“, sagte Grant wenig hilfreich.

„Und es hat dich wirklich so sehr geschockt?“

„Schätze schon.“

Ein dumpfer Laut ertönte von der gegenüberliegenden Wand. Marcus seufzte: „Jon und Atif streiten sich wieder.“

„Sie spielen nur Wrestlen.“

„Ja, aber sie sind keine kleinen Kinder mehr, sie stürzen irgendwann mal durch die Decke.“

„Ich gehe und rede mit ihnen, ich brauche sowieso ein Glas Wasser“, sagte Grant und stand vom Bett auf. Er schlüpfte in seine Schlapfen und zog einen ihrer Hausmäntel an.

„Kommst du vor Mitternacht ins Bett?“, fragte Marcus.

„Ich tu mein Bestes.“

Er verließ den Raum und schloss die Tür leise hinter sich. Das Licht im Gang brannte noch und das Badezimmerlicht auch, die Tür sperrangelweit offen. Er seufzte und schaltete beide aus, bevor er in das zweite Doppelschlafzimmer schaute.

Atif und Jon lagen seitlich auf ihren Betten, noch immer voll angezogen und traten einander über den Spalt hinweg.

„Hey!“, zischte Grant. „Reißt euch zusammen, ihr beide! Ihr lasst noch das Haus einstürzen.“

„Sorry“, Atif gab ihm ein gewinnendes Lächeln, „wir müssen uns nur auspowern.“

„Wenn ihr so viel Energie habt, habe ich fünf Ladungen Wäsche für euch, die in der Früh gemacht werden müssen“, erwiderte Grant. „Jetzt zieht eure Pyjamas an und geht schlafen!“

„Nacht, Dad“, sagte Atif und schüttelte seine Turnschuhe ab.

„Gute Nacht, Mr. Chapman“, lächelte Jon schüchtern und tat es ihm gleich.

„Gute Nacht, Jungs. Hab euch lieb.“

Er schloss die Tür und ging als Nächstes hinunter in die Küche. Er drehte den Hahn auf und wartete, bis das Wasser kalt wurde, dann füllte er ein Glas. Er ging nicht gleich wieder hinauf, er war noch nicht müde genug – er war ruhelos. Er musste ordentlich über dieses Kind im Laden vorher nachdenken, aber er wollte auch so tun, als wäre es nie passiert. Was für eine klassische Remus-Lupin-Aktion.

Grant lehnte sich gegen die Küchentheke und erkannte, dass er sehr lange Zeit nicht an Remus gedacht hatte. Vielleicht sogar einen ganzen Monat. Er konnte den Mond durch das Küchenfenster sehen, hinter dem Apfelbaum in ihrem Garten. Eine schimmernde Silbersichel – das wäre kein Thema für Remus gewesen.

Grant war sich nicht sicher, ob er zu- oder abnahm, er hatte vor Jahren aufgehört, das zu verfolgen. Es waren allerdings noch immer einige ziemlich nette Erinnerungen daran geknüpft. Nicht viele Leute hatten das Glück, mit einem Werwolf in der Nacht vor dem Vollmond Sex zu haben – er würde noch an diese Nächte denken, wenn sie ihn ins Altersheim stecken würden.

Die Katze wanderte hinein und rieb sich an seinem Bein. Er bückte sich, um sie hinter dem Ohr zu kratzen und sie schnurrte genüsslich.

Er räumte die Küche ein wenig auf. Das war eigentlich Jamies Arbeit, aber er würde offensichtlich nicht dazu kommen. Er war ohnehin nur noch eine weitere Woche bei ihnen und das passierte jedes Mal. Jamies Verhalten rutschte ab, je näher der Tag kam, an dem er heimgehen musste. Grant hatte versucht, mit ihm zu reden, um herauszufinden, was ihn beschäftigte, aber er verschloss sich nur.

Also räumte Grant auf, nur um sich selbst beschäftigt zu halten. Er nahm die Teller vom Abendessen und stapelte sie in der Spüle, verknotete den übervollen Müllsack und tauschte ihn aus, stellte die Tassen auf das Abtropfbrett.

Kieron konnte Jamies Zimmer haben, wenn er ging, dachte Grant bei sich – davon abhängig, wie lange Kieron bei ihnen bleiben würde. Sie bekamen normalerweise keine jüngeren Kinder, meistens Problem-Teenager. Marcus sagte, dass er keine Schuhe anhatte, als die Polizei ihn hereingebracht hatte, und dass sie seine restliche Kleidung verbrennen mussten. Vernachlässigung. Wenn es irgendetwas gab, das Grant wirklich wütend machte…

Aber man musste diese Gefühle beiseiteschieben und sich auf das Kind konzentrieren. Denn das Kind sah es nicht so; Kinder machen alles mit, wenn sie daran gewöhnt sind. Der Trick war, ihre Idee von Normalität neu zu erschaffen. Wenn Grant und Marcus Kieron zumindest ein Schlafzimmer geben konnte, dann war das ein Anfang.

Als er den Kühlschrank schloss, fiel eine Postkarte hinunter, die mit einem Magnet festgemacht war, und er musste sich bücken und unter das Gerät greifen, um sie wieder herauszufischen. Sie war von Nick – eines ihrer Kinder vor langer Zeit, jetzt erwachsen und auf der Reise durch Australien. Es waren andere Postkarten, Briefe und Fotos an ihrem Kühlschrank festgemacht – Kinder, die sich gerne an sie erinnerten, die in Kontakt bleiben wollten. Marcus las sie Grant vor, wenn er sich schlecht fühlte. „Schau, was du alles Gutes tust!“, würde er sagen.

Es funktionierte die meiste Zeit, aber manchmal fühlte er sich trotzdem wertlos. Das war einmal seine Normalität und diese Dinge abzuschütteln musste eine ständige Bemühung sein.

Remus‘ Briefe waren natürlich nicht auf dem Kühlschrank. Sie waren viel zu kostbar.

Grant rieb seine Augen und seufzte entnervt. Er kam nicht weiter; er ging immer wieder in Kreisen. Dann Zeit fürs Bett. Er füllte sein Wasserglas auf, machte das Licht aus und begann die Stufen hochzusteigen.

Er bemerkte zufrieden, dass kein Licht – oder Geräusch – unter der Tür von Jon und Atifs Zimmer herauskam. Sie waren wirklich gute Jungs. Als er beim Büro vorbeiging, hörte er allerdings etwas. Ein schluchzendes, nasses Keuchen. Er öffnete die Tür einen Spalt, um hineinzusehen.

Kieron saß im Bett, die Arme um die Knie geschlungen, Augen weit geöffnet. Die kleine Leselampe brannte und beleuchtete Grants Schreibtisch, den alten Desktop-PC, die Stapel Papierkram und den verschlossenen Aktenschrank. Es war kein sehr netter Raum für einen kleinen Jungen, aber es wäre nur vorübergehend.

„Alles in Ordnung, Kumpel?“, fragte Grant sanft.

Kieron starrte zu ihm hinauf, seine Wangen waren nass. Er sah jünger als sechs aus, Grant wollte ihn aufheben und ihn schaukeln wie ein Baby, aber es war besser, sich mit körperlicher Zuneigung zurückzuhalten, zumindest bis sie voneinander wusste, mit wem sie es zu tun hatten.

Grant trat ein und ließ die Tür einen Spalt offen, um sicherzugehen, dass Kieron den Ausgang sehen konnte, falls er gehen wollte. „Unheimlich hier drinnen, oder? Entschuldigung, dass für dich nur der kleine Raum überbleibt.“

Kieron sagte nichts, beobachtete ihn nur. Grant hob das Wasserglas.

„Soll ich dir was zu Trinken holen?“

Kieron schüttelte den Kopf und klammerte die Bettdecke fest an seinen Körper. Er trug ein altes T-Shirt von Marcus, das riesig an ihm war, aber in Ordnung zum Schlafen. Sie würden ihm morgen ordentliche Kleidung besorgen, wenn Janine einverstanden war.

„Warm genug?“

Kieron nickte.

„Du kannst also einfach nicht schlafen?“

Noch ein Nicken.

„Ich auch nicht“, sagte Grant verschwörerisch. „Ich sag dir was, darf ich eine Weile hier sitzen? Marcus mag es, wenn das Licht aus ist beim Schlafen, aber ich hasse die Dunkelheit.“

„Okay“, willigte Kieron ein und öffnete sich nur ein kleines Bisschen. Er hatte seine Haare sehr kurz geschnitten, der arme Liebling. Sie taten das nicht mehr, außer wenn es wirklich notwendig war.

Grant saß in dem Lehnstuhl. Er hatte John gehört, Marcus‘ Partner. Er war ein ganzes Stück älter als Marcus gewesen, basierend auf den Bildern, die Grant gesehen hatte. Einer dieser intellektuellen, alten Queens, die große, ledergebundene Bücher mochten und Seidenschals und ein bisschen Rouge trugen, sodass sie nicht alt aussahen.

„Muss ich hier für immer wohnen?“, fragte Kieron, seine Stimme klein und hoch.

„Wir wissen es noch nicht. Aber nur für eine kleine Weile.“ Grant hasste es, seinen Kindern nicht die Antworten geben zu können, die sie verdienten. Er versuchte immer sehr ehrlich zu sein.

„Werden sie mich in Gefängnis schicken?“

„Nein, Kumpel, du bist nicht in Schwierigkeiten.“

„Wer sind die großen Jungs? Bist du ihr Papa?“

„Nein, ich und Marcus passen nur auf sie auf, weil ihre Mamas und Papas es nicht können. Wie du.“ Er lächelte.

„Warum macht ihr das?“

„Weil als ich sehr klein war, meine Mama auch nicht sehr gut auf mich aufpassen konnte. Und ich habe mich ständig in Schwierigkeiten gebracht und es war nicht sehr toll. Also wollte ich jetzt anderen Jungs helfen.“

„Ich mag es hier nicht.“

„Ich weiß, Kumpel, es ist nicht zuhause. Wie ich gesagt habe, vielleicht bist du nicht sehr lange hier.“

„Nein, ich mag dieses Haus“, sagte Kieron. „Aber ich mag diesen Raum nicht.“

„Oh, ich verstehe.“ Grant schmunzelte. „Warum ist das so?“

„Hier drin.“ Kieron zeigte unter den Schreibtisch. Dort war nichts außer Dunkelheit und Schatten. „Da könnte ein Hund sein und mich beißen.“

„Oh, natürlich“, nickte Grant, als wäre das eine sehr vernünftige Annahme (was es war, für einen Sechsjährigen). „Schauen wir mal…“ Er stand auf und ging zu dem Schubladenkasten in der Ecke. Er war auf Rollen und ließ sich leicht hinüberschieben, um ordentlich unter den Schreibtisch zu passen und den leeren Platz zu füllen. „Das besser?“

Kieron nickte. Er legte sich vorsichtig hin. Grant setzte sich wieder in den Sessel und gähnte.

„Ich habe auch einmal Angst vor Hunden gehabt.“

„Hast du noch immer Angst?“

„Ne. Ich habe mit einem Werwolf zusammengelebt und er hat mich geheilt.“

„Wirklich?!“ Kierons Augen wurden wieder groß, nicht mehr ängstlich. Grant fühlte einen Schwall an Zuneigung für dieses süße, kleine Gesicht. Er liebte Kinder.

„Wirklich“, bestätigte er. „Und lass mich eins sagen, er war einer der nettesten Menschen, die man nur treffen konnte, und überhaupt nicht unheimlich. Er mochte Schokolade und Eier zum Frühstück und Bücher lesen und fernsehen und er hat nie jemanden gebissen.“

„Wow.“

„Glaubst du, du kannst jetzt schlafen?“

„Ich versuch’s“, sagte Kieron entschlossen.

„Guter Bursche.“

„Bin ich in Schwierigkeiten?“

„Natürlich bist du das nicht.“

„Manchmal bin ich sehr schlimm…“ Kieron streckte sich, gähnte und schloss seine Augen.

„Ich denke nicht, dass du schlimm bist. Ich denke, du bist ein sehr guter Junge, der eine sehr harte Zeit hinter sich hat“, sagte Grant mit schmerzendem Herz. Kieron schien ein bisschen zu lächeln.

Nicht lange danach schlief der Junge ein. Grant blieb eine Weile, nur für den Fall, dass er wieder aufwachte. Sie würden ihn morgen in einen ordentlichen Raum legen, entschied er; Jamie würde einfach damit klarkommen müssen.

Remus war wieder aufgekommen. Es schien wie das hundertste Mal an diesen Tag. Verdammte Scheiße, dachte Grant zu sich, wir sind in einer nostalgischen Stimmung, nicht wahr? Da er nicht schlief, dachte er, könnte er genauso gut nachgeben. Er lehnte sich hinunter zu dem Boden des Bücherregals, sehr langsam, um Kieron nicht zu stören, und nahm eine Schuhschachtel aus dem untersten Fach. Als er sie öffnete, biss er auf seine Lippe. All sein Remus-Zeug.

Nicht sehr viel; eigentlich nur ein paar Briefe und einige niedergekritzelte Adressen und Telefonnummern; die Take-Away-Speisekarte von ihrem liebsten chinesischen Restaurant und eine Schachtel Streichhölzer aus Remus‘ erster Schwulenbar.

Er zog den ersten Brief aus dem Umschlag. Die krakelige Handschrift war so vertraut und doch so fremd. Dieser war nicht so lang, nachdem sich ihre Wege getrennt hatten.

 

Grant,

ich hoffe, dir geht es gut. Es fühlt sich dumm an, das zu schreiben, aber es ist wahr. Ich hoffe wirklich, wirklich, dass es dir gut geht. Besser als gut.

Hier ist viel los. Ich kann nicht viel sagen, wie du weißt, aber ich bin okay und Sirius auch. Wir haben mehr Zeit mit Harry verbracht, was großartig war. Wir mussten vorrübergehend umziehen, also falls du die Wohnung besuchen willst, mach es ruhig, ich weiß, du hast den Schlüssel. Nur damit du es weißt, ich habe deinen Namen auf den Vertrag gesetzt. Nenn es Versicherung oder ein Geschenk, wie du willst.

Hast du eine nette Wohnung? Wie ist die Arbeit? Ich vermisse es, mit dir zu reden.

In Liebe,

Remus

 

Ja, Grant erinnerte sich jetzt. Es war immer in Liebe in diesen Briefen. Die letzten zwei Jahre hatte Remus ihm jeden Monat mit Liebe geschrieben. Anfang 1998 hatten die Briefe aufgehört und Grant wusste. Manchmal dachte er, er hatte es tief im Inneren gespürt, wie ein Faden, der abgeschnitten wurde. Remus war tot.

Sirius war zu der Zeit schon gestorben. Remus hatte es ihm erzählt. Nach all dem Warten hatten sie am Ende nicht sehr lange. Er konnte nicht einmal die Worte schreiben. Es war am unteren Rand der Seite platziert, wie ein Nachtrag: Sirius nicht mehr mit uns. Fort.

Remus‘ Briefe wurden danach sporadisch, aber er schickte trotzdem noch kurze Briefe, bis der Faden durchtrennt wurde.

Zu der Zeit trauerte Grant nach einem Fachbuch. Er gestand sich seine Emotionen zu, er nahm Besitz über seinen Kummer. Wenn er trinken wollte, besuchte er ein Treffen der Anonymen Alkoholiker, und wenn er reden musste, machte er sich einen Therapietermin aus. Er nahm sich Zeit für sich, aber er passte auf, sich nicht zurückzuziehen.

Aber es schmerzte, es schmerzte sehr lange. Er schmiss sich in die Arbeit und das war genug für eine Zeit lang. Und dann traf er Marcus und die Sonne kam endlich wieder heraus.

Die Tatsache, dass Marcus auch jemanden verloren hatte, half eine Menge. Es bedeutete, dass die langen Schweigemomente nicht leer waren und dass die wichtigsten Dinge keine Erklärung benötigten. Als Grant Marcus von seinem Wunsch erzählte, Teenager mit schwierigem Privatleben aufzunehmen, war Marcus vollkommen dafür, und das war, wie Grant wusste, dass er der Eine war.

Sie hatten schon das große Haus; von John hinterlassen, mit einem Garten genau richtig fürs Fußball spielen und nahe an der Küste. Grant konnte den Großteil seiner Arbeit mittlerweile zuhause erledigen (mit dem Computer, wie ein verdammter Wissenschaftler!) und in den frühen Nullerjahren zuckte niemand mit der Wimper, wenn zwei schwule Männer auf Kinder aufpassten.

Naja, fast niemand. Die Leute waren oft noch immer Arschlöcher und es gab manchmal Kommentare. Leg dich verdammt noch mal mit mir an, wollte Grant zu ihnen sagen, ich habe die Siebziger überlebt, es gibt nichts, das du hast, was das übertreffen kann, was ich aushalten musste.

Nichts war je perfekt – nichts, das es wert war zu haben. Und sein Leben war, sagte sich Grant jeden Tag, sein Leben war alles wert und er hatte es verdammt nochmal verdient. Er dachte selten an ein anderes Leben, eines mit Magie darin, eines mit…

Er schloss die Schuhschachtel. Er wurde empfindlich vom Sitzen und Kieron schlief tief und fest. Grant stand auf, um zu gehen, und nahm die Schachtel mit. Er wünschte, er hätte ein Foto. Dann wüsste er, ob das Kind im Laden wirklich so aussah wie Remus oder ob er einfach alt und einfältig wurde.

Marcus schnarchte. Grant legte die Schuhschachtel auf seinem Nachttisch ab, stieg ins Bett und gab seiner anderen Hälfte einen spielerischen Schubser. „Hey“, flüsterte er. „Dreh dich um, du klingst wie ein verdammter Bär.“

„Grrr.“ Marcus grinste schläfrig und rollte sich herum, um Grant in seine Arme zu nehmen und sein Gesicht in Grants Hals zu begraben. Grant seufzte und entspannte sich. „Alles klar, Liebling?“, murmelte Marcus.

„Oh ja“, Grant drückte ihn, „perfekt.“