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Als ich meinen Blick zu dem beschlagenen Fenster schweifen lasse, welches unser kleines Wohnzimmer mit Tageslicht füllt, bemerke ich die weißen Flocken, die die Felder um unser Haus weiß färben.
Im Schnee wird alles auf einmal still und langsam. Es scheint, als würde sich die Welt wie in Zeitlupe verhalten - der Trubel, der das Leben sonst erfüllt, wird eingefroren und auch die Natur fällt in einen Winterschlaf.
Dieser Ausblick versetzt mich nun endgültig in Weihnachtsstimmung. Angesichts des Faktes, dass bereits in wenigen Tagen Heiligabend vor der Tür steht, ist dies eigentlich längst überfällig, aber ohne Mann und Kind ist Weihnachten einfach einsam.
Ein Seufzer entwicht mir, als ich darüber nachdenke. Dieses Weihnachten würde ich erneut alleine verbringen. Ich nehme mir vor, meinen Sohn auf dem Friedhof zu besuchen, so dass ich immerhin ihm Gesellschaft leisten kann. Vor kurzem hatte ich erst ein Buch mit verschiedenen Weihnachtsgeschichten gekauft, welche ich ihm vorlesen möchte. Schöner wäre es natürlich, wenn auch Stanislaus bei mir wäre. Doch dieser bestialische Krieg zeigt auch an den Feiertagen keinerlei Barmherzigkeit. So ist mein einziger Wunsch Gesundheit und Unversehrtheit für meinen Mann und ein baldiges Ende dieser Schlachten, so dass ich ihn schnell wieder in die Arme schließen kann – wie ich es mir eben schon die Jahre zuvor wünschte.
Um mich nicht weiter in meine eigene Trauer zu stürzen, entscheide ich mich dazu, dem kleinen Dorfladen einen Besuch abzustatten. Ich möchte noch Plätzchen backen, die ich Stanislaus an die Front schicken werde, um ihm auch zumindest ein bisschen Weihnachtsstimmung zu geben. Also ziehe ich die Stiefel wie meinen Mantel an und machte mich auf den Weg ins Dorf.
Gedankenverloren spaziere ich die Straße entlang, die zu dem Laden führt. Mein Blick folgt den vielen Schneeflocken, die ihren Weg auf die Erde finden und sie somit weiß färben.
Irgendwann bemerke ich eine dunkle Gestalt, die zu unserem Haus zu gehen scheint. Leicht verwirrt gehe ich weiter auf sie zu. Wer konnte das sein? Ich erwarte keinen Besuch und auch sonst weiß ich nicht, wer sich hierher verirrt.
Nach einigen weiteren Schritten stutze ich. Dieser Mann, der so zielstrebig auf mich zu geht, sieht Stanislaus verdächtig ähnlich. Aber das kann ja nicht sein. Mein Mann ist weiterhin an der Westfront und würde nicht nach Hause kommen.
Aber trotzdem steht da ein Mann vor mir mit einem weichen Bart, einem breiten Rücken und den strahlend blauen Augen, in die ich mich verliebt hatte.
Ich traue meinen Augen kaum - was macht er hier?
„Stanislaus?“
Er schaut mich einfach an, sagt gar nichts. Fast glaube ich, der Schnee verzerrt meine Sicht oder die Sehnsucht, die sich nach den Jahren immer weiter in mir aufgebaut hatte, führt nun dazu, dass ich schon Gespenster sehe. Aber für ein Gespenst sieht er verblüffend echt aus.
Obwohl ich mir diesen Moment schon so oft gewünscht hatte – bei der Arbeit, auf dem Friedhof bei meinem Sohn, beim Einschlafen, in jeder erdenklichen Situation – ist die Realität doch ganz anders. Es ist unbegreiflich, dass er wieder hier ist. Dass er vor mir steht und ich ihn tatsächlich berühren kann, er nicht nur ein Geist in meinem Kopf ist.
Doch ich kann auch die Veränderung ausmachen. Die Jahre im Krieg hinterließen auch bei meinem geliebten Ehemann ihre harten Spuren. Er sieht älter aus, abgemagert, sein Haar ist grau geworden und unter seinen Augen sind dunkle Augenringe. Aber trotzdem erkenne ich meinen verehrten Stanislaus in dieser Hülle, der mich mit einem Blick ansieht, den nur er zustande bringt.
Ich fühle mich, als wäre ich aus einer Trance erwacht, als ich die letzten Schritte zu ihm überbrücke und ihm in die Arme falle. Ich kann die Stoppel auf seiner Wange an meiner fühlen, die Muskeln in seinem Rücken, die sich etwas entspannen, als ich meine Arme um ihn schlinge und seine starken Hände, mit denen er mich umarmt.
Obwohl die Schneeflocken um uns herum immer dichter und die Welt immer weißer wird, füllen sich unsere Körper doch immer mehr mit Wärme. Es ist wie ein wahrgewordener Traum – ein Weihnachtswunder. Wie eine Filmszene, aber am Ende schreibt das Leben eben doch die besten Geschichten.
Langsam löse ich mich wieder aus dieser engen Umarmung und nehme Stanislaus‘ Gesicht in meine Hände. Er schaut mich einfach nur an und dieser eine Blick sagt mehr als tausend Worte es jemals könnten. Darin verpackt ist all die Liebe, von der ich weiß, dass er sie für mich verspürt und all der Schmerz, den er in der letzten Zeit erleben musste. Es war auch ein Flehen, ihn festzuhalten und niemals mehr zurück an diesen grausamen Ort gehen zu lassen, von dem er kommt.
Ganz sanft drückt ich ihm einen Kuss auf seine rauen, aufgesprungenen Lippen. Er scheint vergessen zu haben, wie man zurückküsst und steht einfach nur eingefroren da. Aber das macht mir nichts. Es bedeutet mir trotzdem alles.
„Komm mit nach Hause…“, flüstere ich ganz sanft und nehme seine Hand. Über die Zeit war sie rau geworden und dreckig. Er schien sich gewaschen zu haben – zumindest hatte er das versucht. Aber der Dreck der Front lässt sich nicht mit etwas Seife abwaschen. Er sitzt viel tiefer, hatte sich unter die Haut gedrückt und in der Seele eingenistet.
Schweigend laufen wir den Weg wieder zurück. Das fehlende Mehl für die Plätzchen ist nun vollkommen unwichtig geworden, Stanislaus ist bei mir, das war alles was zählt.
Als unser Haus durch den Schnee zu erkennen ist, bleibt er stehen. Ich drehe mich um und schaue ihn an, doch er beachtet mich gar nicht. Er starrt einfach nur unser Zuhause an, wie in einem Traum. Und so muss es sich für ihn anfühlen, also bleibe ich neben ihm stehen und warte, bis er bereit war, diesen Traum auch zu betreten.
Wir ziehen die Schuhe und Mäntel aus und Stanislaus stellt auch seinen schweren Rucksack ab. Auf eine Art ist es wie immer, wie der Alltag aus den Tagen, in denen der Krieg nur ein Gerücht war, dem man keine Beachtung schenkte.
Ohne zu zögern stelle ich Töpfe auf den Herd und beginne, aus den vorhandenen Lebensmitteln etwas zu Essen zu zaubern. Wie üblich beginnt Stanislaus mir zu helfen.
In diesem Moment schiebe ich die Gedanken an alles andere weg, schließe sie in eine Truhe in meinem Gehirn ein und schmeiße den Schlüssel in irgendeine Ecke. Alles was zählt war ich, wie ich Kartoffeln schäle und Stanislaus, der gedankenverloren am Herd steht.
Wie ich zu ihm herüber gehe und die geschälten und geschnittenen Kartoffeln mit in den Topf werfe, gebe ich ihm auch einen Kuss auf die Wange. Sofort erhellt sich sein Gesicht und ein Grinsen findet sich auf seinen Lippen wieder. Ich muss ebenfalls grinsen, so sehr hatte ich diesen verschmitzten Ausdruck auf seinem Gesicht vermisst.
Alles ist so wie vor dem Moment, in dem er zu diesem furchtbaren Krieg gesendet wurde. Aber gleichzeitig ist auch nichts mehr wie damals. Er hatte sich verändert – wir beide hatten das. Er war nicht mehr derselbe, der Schmerz vom Töten und dem Sterben seiner Kameraden ist in ihm eingraviert und würde auch niemals mehr weggehen.
Als die Nacht anbricht legen wir uns beide in unser Bett. Die linke Seite davon hatte ich jahrelang unberührt gelassen. Anfangs war ich noch aufgewacht und hatte geglaubt, er wäre bei mir, doch nach einigen Monaten hatte ich mich an die leere Seite gewöhnt. An das einsame Dasein auf dem Hof, den wir ursprünglich für unser gemeinsames Leben gewählt hatten.
Eigentlich sollten wir beide längst schlafen. Doch weder die Atemzüge meines Mannes, noch meine eigenen werden langsamer und der erholsame Schlaf, der ihm an der Front so lange nicht gegönnt wurde, holt ihn auch in unserem sicheren Bett nicht ein.
„Weihnachten ohne Kinder ist doch nichts“, durchbricht seine tiefe, sanfte Stimme die Stille. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und trotz der Dunkelheit kann ich sein Gesicht klar und deutlich sehen. Der Schnee erhellt unser Schlafzimmer wie eine sorgfältig angezündete Kerze.
Ich nicke nur, etwas anderes bringe ich nicht zustande. Weihnachten ohne Kinder ist tatsächlich nicht schön, besonders, wenn man sich Nachwuchs so sehr wie wir wünschte. Ich stelle mir vor, wie sie unter dem mit Mühe geschmückten Tannenbaum sitzen, ihre Augen vor lauter Freude leuchten und sie die kleinen Münder staunend aufreißen. Das ist mein größter Wunsch.
Stanislaus dreht sich um, so dass er zu mir blickt. Seine schweren Hände finden ihren Weg zu meinen Hüften und er beginnt mich zärtlich zu küssen. Zuerst ganz zaghaft, aber langsam scheint er sich sicherer zu fühlen und es wird irgendwann ungehemmter. Als hätte er all seine Zweifel wie eine zweite Haut abgestreift.
Langsam schiebt er sie unter mein Nachthemd und streicht zärtlich über meine Rundungen. Seine Berührungen senden Wellen der Aufregung und des Verlangens durch meinen Körper. Er löst seine Lippen von meinen und schaut mich an, fragt mit seinem Blick um Erlaubnis für das, was folgen würde.
Ich nicke und meine Lippen formen sich zu einem leichten Lächeln. Das hier gehört auch zu den Dingen, die ich vermisst hatte. Er rückt näher an mich heran und drückt seinen Körper gegen den meinen. Ich lehne meine Stirn gegen seine und bringe meine Lippen wieder zu seinem Mund. Das leichte Kitzeln, welches sein sorgfältig geschnittener Bart an meiner Oberlippe auslöst, bringt mich gemeinsam mit der Vorstellung, wie er sich mühevoll für diesen Augenblick rasierte, zum kichern.
So sehr hatte ich ihn vermisst. Seine Hand auf meiner Haut, seine Lippen auf meinen und unsere Körper ganz nah aneinander.
Meine Hand gleitet zu seiner Brust und öffnet die Knöpfe seines Nachthemds. Ich fahre mit den Fingern sachte über seine Brust, spüre die weichen Haare auf meiner Haut.
Langsam ziehen wir auch unsere verbleibende Kleidung aus und die dicke Daunendecke ist damit das einzige, was uns vor der Kälte schützt. Wobei ich bezweifle, dass uns auch ohne kalt wäre, so sehr durchströmt Hitze gerade meinen Körper, ausgehend von den Berührungen meines Mannes.
Ganz sanft drückt er mich auf das Bett und platziert sich selbst auf mir, bedacht darauf, mir nicht ein Haar zu krümmen.
Wir küssen uns weiterhin zärtlich und ich streiche mit meinen Händen über seinen Rücken. Trotz dessen, dass er zwar abgenommen hatte, war dieser doch muskulöser geworden, aber den Gedanken an das, was er dafür tun musste, schiebe ich beiseite. Ich will mich jetzt nur auf diesen Moment konzentrieren.
Währenddessen berührt er mich überall. An meinen Haaren, meinen Wangen, meiner Brust, meiner Hüfte, meinen Oberschenkeln. Seine Hände sind an jeder Stelle meines Körpers und sie senden ein angenehmes Kribbeln durch meine Nerven.
Vorsichtig tritt er in mich ein. Stanislaus beherbergt eine Zärtlichkeit, die niemand bei diesem großen und starken Mann erwarten würde. Doch mir gegenüber tritt diese nach außen und für so manchen würde er wohl wie ausgewechselt scheinen. Ich allerdings weiß, dass dies sein wahres Selbst ist.
Behutsam bewegt er sich und das anfängliche Unbehagen macht schnell dem Gefühl von Genuss Platz. Ein leises Stöhnen entwischt meinem Mund und ich sehe deutlich, wie sich Stanislaus‘ Mundwinkel nach oben verziehen. Auch er kann sich die Geräusche nicht verkneifen.
Ich fühle mich wie bei unserem ersten Mal. So jung war ich damals noch, waren wir beide. Es war – ganz nach der guten Sitte – in unserer Hochzeitsnacht passiert. Ich hatte mich wie die glücklichste Frau auf Erden gefühlt.
Ehrlich gesagt ist das immer noch so. Zwar ist das anfängliche Verliebtheitsgefühl schon seit geraumer Zeit verschwunden, aber es wurde lediglich durch tiefe, ernsthafte Liebe ersetzt. Ich liebe Stanislaus mit jeder Faser meines Körpers, in guten wie in schlechten Zeiten. So, wie wir es uns damals versprachen.
Zwar dauert die schlechte Zeit nun schon seit über drei Jahren an, aber ich bin mir sicher, dass irgendwann wieder eine Gute kommen würde. Etwas anderes kann ich mir gar nicht ausmalen. Stanislaus ist ein zäher Hund, er lässt sich nicht schnell unterkriegen. Und lange kann dieser unmenschliche Krieg nicht mehr andauern. Er hat schon so lange durchgehalten, da würde er auf den letzten Metern schon nicht umfallen.
Das laute Stöhnen, welches den Raum erfüllt und die nachlässiger werdenden Bewegungen zeigen mir, dass er kurz vor seinem Höhepunkt steht und auch ich brauche nicht mehr viel. Er bringt seine Hand zu meiner Brust und diese zusätzliche Befriedigung war letztendlich das, was mich zu meinem Orgasmus bringt.
Auch er stöhnt noch ein letztes Mal und legt sich dann vollkommen atemlos auf mich, unsere Körper so eng beieinander. Nach kurzer Zeit rutscht er wieder neben mich und seine Hände finden erneut ihren Weg um meine Hüften, um mich enger an ihn zu ziehen. Ich lasse das selbstverständlich geschehen und vergrabe meinen Kopf in seiner Schulter und atme seinen Geruch ein, der trotz der Jahre an der Front immer noch typisch für Stanislaus ist. Dieser Geruch bedeutet Zuhause – anders konnte ich es nicht beschreiben.
Wir beide fühlen uns so eng zusammen, wie wir es zuletzt vor dem Krieg taten. Zumindest jetzt ist die Welt für uns in Ordnung. Dass das am Morgen schon ganz anders sein würde, schieben wir einfach weg. Wir sind gerade glücklich, das ist alles was zählt.
