Work Text:
„Ich denke wir alle müssen uns bei Ihnen entschuldigen, Thiel.“
„Komisch. Ich sehe hier irgendwie nur Sie. Oder verstecken Sie da Frau Klemm, Nadeshda und den Rest der Station und der Staatsanwaltschaft hinter Ihrem Rücken?“
Gut, er hätte auch etwas netter sein können. Aber andererseits war es nur Boerne, und die Tatsache dass er ihm die Wohnungstür nicht direkt vor der Nase zugeschlagen hatte war schon nett genug. Dem Seufzer nach zu urteilen, sah sein Vermieter das anders.
„Ich fürchte Sie müssen vorerst mit mir vorlieb nehmen. Der Rest der Belegschaft muss den Fall noch ordentlich abschließen. Wie Sie es geschafft haben, sich bei all dem Trubel krank schreiben zu lassen ist uns aber auch allen ein Rätsel. Besonders wo Sie doch auf mich zumindest einen kerngesunden Eindruck machen. Etwas mitgenommen vielleicht... Hat der werte Kollege Sie überhaupt angesehen?“
Frank seufzte. Boerne hatte ihn doch nicht ernsthaft aus dem Schlaf geholt, nur um mit ihm über seine Gesundheit zu plaudern? Dafür war es im übrigen noch viel zu früh, schließlich war er doch erst vor wenigen Stunden ins Bett gegangen... Demonstrativ schaute er auf seine Armbanduhr. Hm. Für 2 Uhr morgens war es doch schon recht hell...
„Ich habe mir übrigens den Rest des Tages frei genommen, um Sie wieder gesund zu pflegen. Komme gerade aus der Gerichtsmedizin. Nun da wir den Exfreund nicht mehr brauchen kommt Alberich sicher auch ohne mich zurecht.“
Hm. War wohl doch schon später als erwartet. Naja, Boerne wäre sicher so oder so früher oder später in seine Wohnung spaziert. Also ging Frank endlich aus dem Weg und bekam, als Boerne an ihm vorbei in den Wohnungsflur lief, auch endlich den Gegenstand in seinen Händen zu sehen. Ein Umschlag, vermutlich mit Bildern zum Fall, die dazugehörige Akte, und eine Schachtel... Waren das Pralinen?
Boerne schien seinen Blick gespürt zu haben, denn er hob die Hand, welche er hinter dem Rücken versteckt hatte und schüttelte sie leicht, sodass das Rascheln der Süßware unschwer zu erkennen war.
„Von Frau Klemm. Es tut ihr wirklich leid, Sie so ignoriert zu haben. Und auch mir tut es leid, dass ich mich nach den Untersuchungen erst bei ihr und nicht bei Ihnen gemeldet habe. Ich meine, ich habe es zwar versucht und immer nur Ihre Mailbox bekommen, also war es im Prinzip doch zumindest zum Teil Ihre Schuld, aber-“
„Is schon gut, Boerne, ich habs kapiert.“
Er führte den anderen schweigend ins Wohnzimmer, wo sie sich mit Adäquatem Abstand zueinander auf dem Sofa niederließen.
War ja kaum auszuhalten, die ganze Entschuldigerei. Kam doch eh zu spät. Frau Schäfers Trauma war wieder wie eine aufgekratzte Wunde. Er war sich sicher, dass sie genau wie er noch 'ne Weile unter der Sache leiden würde, bis sich die Narbe, die die Wunde bisher einigermaßen geschlossen hatte, zurückbildete.
Merkwürdig ruhig war es auf einmal. Als Frank wieder geistig ins Hier und Jetzt gefunden hatte, merkte er, dass Boerne ihn anscheinend schon eine ganze Weile stumm betrachtete. Als er es schlichtweg nicht mehr aushalten konnte, fragte er:
„Hab ich was im Gesicht oder so?“
Es kam etwas ungehaltener raus, als er geplant hatte, aber das war ihm dann auch egal. Boerne aber anscheinend nicht; der Gute war so zusammengezuckt wie ein Schuljunge der gerade beim spickeln ertappt wurde.
Der Gedanke brachte Thiel zum schmunzeln, was Boerne offensichtlich missfiel.
„Nein, mir ist nur gerade... Was... Ich meine... Frau Krusentern meinte, es sei wegen Ihrer Ex... aber mir ist gerade eingefallen... Ich meine, dass Sie das ganze dann so ernst nehmen, das kam mir ja von Anfang an seltsam vor. Und jetzt...“
Also dass er eines Tages der Grund sein würde, aus dem es dem Herrn Professor die Sprache verschlägt, das hätte Frank noch bis vor ein paar Tagen niemandem geglaubt. Es war surreal genug während es tatsächlich geschah. Surreal, und absolut nervtötend.
„Raus damit, Boerne. Ich kann immer noch nicht Gedanken lesen!“
Boerne zuckte kaum merklich mit der Nase und schüttelte den Kopf, so als wolle er seine Gedanken dadurch sortieren. Irgendwie niedlich.
„Darf ich Sie etwas fragen? Sie müssen es nicht beantworten, aber bitte sagen Sie es auch direkt, wenn Sie es nicht beantworten wollen, anstatt mich anzulügen.“
Das konnte ja nichts gutes heißen!
„Schießen Sie los.“
„Hat Ihre Krankschreibung etwas mit dem Fall zu tun?“
War ja klar. Wenn einer den Zusammenhang blickt, dann natürlich Boerne. Er gab es ja wirklich ungern zu, aber ein bisschen was steckte schon hinter dessen Behauptungen, ein Genie zu sein, das musste selbst Frank zugeben.
„Ja.“
Statt der erwarteten Rückfragen, die nach so einer wortkargen Antwort normalerweise auf ihn einprasseln würden, traf ihn nun ein mitfühlender Blick, und das war irgendwie tausendmal schlimmer als jede noch so intime Frage der Welt.
„Wer-“
„Nein.“ Das ging ihm jetzt eindeutig zu weit. Er brauchte dringend frische Luft. War es die ganze Zeit schon so stickig hier drin gewesen? Warum hatte er sich nicht eine Hose angezogen, bevor er die Tür geöffnet hatte? Dann könnte er jetzt einfach direkt das Haus verlassen und müsste sich nicht mehr von Boerne analysieren lassen...
Frank war gar nicht aufgefallen, dass er begonnen hatte, zu hyperventilieren, bis eine perfekt manikürte Hand ihm sanft aufs Sternum drückte, und Boerne ihn leise darum bat, mit ihm gemeinsam ein- und auszuatmen, und sich doch bitte auf seine Stimme und seine Anwesenheit zu konzentrieren. Gemeinsam atmeten sie, sein Brustkorb hob und senkte sich im Takt, der von Boernes Hand und Worten angegeben wurde, und so langsam konnte er wieder den Rest der Wohnung wahrnehmen.
Wann waren sie denn vom Sofa auf den Boden abgerutscht?
„Können Sie wieder reden, Thiel?“
Er nickte, und als ihm auffiel, wie unüberzeugend das sein musste, krächzte er leise: „Ja.“ Es war zwar etwas schwacher und wackeliger, als geplant, aber unter diesen Umständen konnte er sich das verzeihen.
„Sehr schön. Sie machen das großartig. Nein wirklich!“
Thiel schnaubte belustigt. Als großartig war er in solchen Situationen noch nie von jemandem bezeichnet worden. Da war er gerechterweise aber auch meist alleine.
„Können Sie mir vielleicht fünf Dinge auflisten, die Sie sehen?“
Kinderspiel.
„Sie. Mein Couchtisch. Fernbedienung. Ääähm. Socken? Brille. Also Ihre Brille. Zählt die als einzelne Sache? Oder gehört sie quasi zu Ihnen?“
„Das zählt. Jetzt vier Dinge die Sie fühlen können?“
Fühlen? Das wird ja immer besser.
„Mein T-Shirt? Oder meinen Sie sowas wie Hunger?“
Als Boerne den Kopf schüttelte, seufzte er genervt.
„Also gut... Das Sofa, im Rücken zumindest. Der kalte Boden... Ist die Heizung schon wieder im Eimer? Und... Und Sie. Also Ihre Hand. Da.“
Er zeigte auf seine Brust. Boerne schien jetzt erst aufgefallen zu sein, dass sich seine Hand immer noch auf Franks Sternum befand, und er zog sie schnell zurück, als hätte er sich verbrannt. Schade eigentlich.
„Tut mir leid. Ich... drei Dinge die sie hören?“
„Ihre Stimme, Mein Atem, die Waschmaschine aus der Wohnung über mir.“
Boerne nickte anerkennend. Irgendwie bescheuert, aber Frank fühlte sich kurz so, als würde er eine gute Note im Panikattacken bekämpfen bekommen, etwas, was total normal zu wollen und vollkommen möglich zu erreichen war.
„Zwei Dinge die Sie riechen können?“
„Sie.“
Das kam viel zu schnell aus ihm rausgeplatzt.
„Also, ich meine natürlich Ihr Aftershave. Und der typische Formalingeruch eben. Den haben Sie immer noch Stunden nach der Arbeit an sich kleben.“
Na wunderbar. War auch überhaupt nicht verdächtig, dass Frank so genau wusste, wonach sein Par- sein Pathologe immer roch.
„Das lasse ich mal als zwei Dinge durchgehen. Jetzt brauche ich von Ihnen nur noch etwas, das Sie gerade schmecken können.“
Er kannte diese Grounding Methode; seine Therapeutin war sie oft genug mit ihm durchgegangen. Und doch war das das erste Mal, dass sie ihn wirklich wieder zurück in die Realität brachte.
Er öffnete die Schachtel Pralinen, die Boerne auf dem Couchtisch abgelegt hatte, und ploppte die Erstbeste in seinen Mund.
„Schokolade.“
Boerne hob eine Augenbraue, sagte aber ansonsten nichts, sondern klappte zufrieden die Hände zusammen und stand auf.
„Na dann will ich Sie nicht weiter stören. Tut mir wirklich leid, dass ich da anscheinend etwas ausgelöst habe. Ich finde schon selbst hinaus, keine-“
„Warte.“
Ob es die Bitte oder das Du war, das den Professor mehr aus dem Konzept brachte, wussten sie wohl beide nicht. Jetzt war es an Frank, den Mund aufzubekommen.
„Der Fall hat etwas in meiner Vergangenheit wieder zum Vorschein gebracht. Etwas, das ich sehr gerne für immer vergessen hätte. Darum war ich so verbissen. Und ich hab am Ende ja doch Recht behalten. War also immerhin nicht umsonst.“
Das war mehr als er jemals jemandem gesagt hatte, der gerade nicht unter ärztlicher Schweigepflicht stand.
„Also hatte ich Recht. Sie wurden... Ihnen ist so etwas auch mal passiert.“
„Finden Sie nicht auch dass wir uns nach der Aktion so langsam duzen könnten?“
Das wollte er Boerne schon lange vorschlagen. Wurde ja von Tag zu Tag affiger. Immerhin waren sie seit Jahren Nachbarn, Kollegen, und so etwas wie Freunde. Er verbrachte seine Freizeit mittlerweile fast ausschließlich mit Boerne, und er wusste dass es dem anderen ähnlich gehen musste.
„Wenn Sie... Wenn Du willst. Karl-Friedrich.“
„Frank.“
Eine Weile starrten sie sich einfach nur gegenseitig an. Dann fiel Frank auf, dass er immer noch auf dem Boden vor dem Sofa saß, und er versuchte sich so graziös wie möglich aufzustemmen. Seine Beine waren ihm dann aber doch zu wackelig, also setzte er sich schnell wieder. Diesmal jedoch auf anstatt vor das Sofa.
Boerne, oder eher Karl-Friedrich stand noch ein paar Sekunden zwischen Tür und Angel und ließ sich schließlich neben ihm aufs Sofa fallen.
„Hast Du schon... Also weiß davon noch jemand?“
Frank seufzte innerlich. Vor allem wegen solcher Fragen hatte er das bisher für sich behalten. Darum, und damit er es selbst so schnell wie möglich vergessen konnte. Hatte es verdrängt, als wäre es jemand anderem passiert. Eine Weile hatte er es fast selbst geglaubt.
„Ja. Meiner Therapeutin. Darum bin ich auch krankgeschrieben.“
Boerne nickte stumm und betrachtete seine Hände, als wären sie das neuste große Wunder der Wissenschaft. Oder ein besonderer Wein. Oder ein interessantes Stück Golf Equipment. Oder er.
Frank wusste selbst nicht, wie er mit den anderen Dreien in Verbindung stand, nur, dass Boerne ihn oft genau so ansah, wenn er dachte er würde es nicht sehen.
Er schien endlich den Mut weiter zu sprechen gefunden zu haben.
„Wollen Sie- Willst Du darüber reden?“
„Da gibt es nichts, worüber man reden kann. Als ich sie damals angezeigt habe hat mir keiner geglaubt und mittlerweile ist das ganze eh verjährt.“
Boerne nickte nicht, wie sonst immer. Überhaupt sah er ganz anders aus als sonst. Irgendwie... Überfordert. Ja, das war es. Frank war schon fast stolz darauf, dass er derjenige war, der für diesen sicher sehr seltenen Gesichtsausdruck auf dem Gesicht des sonst so selbstsicheren Professors verantwortlich war.
„Hömma, Karl. Friedrich. Soll ich das immer zusammen sagen oder ist nur Karl okay?“
Boerne zuckte nur mit den Schultern. Es gab wohl nicht so viele die ihn duzten. Bei ihm war das ja ähnlich. Außer seinem Vater hatte ihn seit Jahren kaum noch wer Frank genannt.
„Naja, jedenfalls ist da jetzt nix mehr zu machen. Und ich kann damit umgehen. Wirklich. Es hat mich nur fertig gemacht, dass Du Frau Schäfer partout nicht glauben wolltest. Sie hat etwas grausames durchgemacht und wegen genau solchen Reaktionen wollte sie es für den Rest ihres Lebens für sich behalten. Im übrigen wird einem während der Ausbildung tausendmal erklärt dass man bei solchen Fällen zunächst immer dem Opfer glaubt. Es gibt keinen Grund, sich so etwas auszudenken, besonders wenn man sagt, sich nicht an den Täter zu erinnern. Wenn man dann auch noch den Leuten dauernd unterstellt, sie würden lügen, traut sich am Ende keiner mehr zur Polizei. Ich bin einfach nur froh, dass Du dir am Ende einen Ruck gegeben hast und den DNA Abgleich doch noch ohne Einverständnis der Klemm gemacht hast. Ansonsten hättest Du jetzt vielleicht Frau Schäfer auf deinem Tisch.“
Der letzte Satz war als Scherz gemeint, klang aber eher wie ein Vorwurf.
„Das war Alberich. Als ich im Labor angekommen war, war sie schon fertig damit.“
„Na dann werd ich mich bei ihr bedanken, wenn ich die nächste Leiche begutachten darf.“
Die darauf folgende Stille war so schrecklich bedeutungsvoll, dass Frank sie schon nach wenigen Sekunden satt hatte. Er wollte seit dem Beenden des Falles eigentlich nichts als schlafen und auf eine bessere Welt hoffen. Sich seinen Gefühlen widmen, noch dazu in Anwesenheit seines... Nunja, seines Bekannten? Seines Freundes? Das stand jedenfalls nicht auf seiner To Do Liste.
„Willst du n Bier?“
Er war schon aufgestanden um zum Kühlschrank zu trapsen, als er hinter sich Boerne hörte.
„Es ist noch nicht mal vier Uhr!“
„Irgendwo schon. Nur nicht hier.“
Als er sich mit zwei Flaschen und einem St. Pauli Totenkopf-Flaschenöffner zurück auf das Sofa setzte, ließ er absichtlich weniger Platz zwischen ihm und Boerne als davor. Er hätte es zwar nie zugegeben, doch die Nähe des anderen tat ihm gut. Alleine wäre es nach so einem Fall sicher nicht bei einem Bier geblieben, doch zu zweit musste er die Gedanken, die in seinem Kopf kreisten und nicht zur Ruhe fanden, wenigstens nicht selbst übertönen. Das übernahm Boerne für ihn.
„Wusstest Du, dass die Jolly Roger, die das Logo Deines Lieblingsvereins offensichtlich zumindest inspiriert hat, möglicherweise schon von Sir Francis Drake im späten 16. Jahrhundert-“
Kaum zu glauben dass er diesen Mann einmal als nervtötend empfunden hatte, dachte Frank. Ohne ihn wäre er jetzt sicherlich verloren.
