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Die Schattierung von Schwarz

Summary:

Leo Hölzer ist Polizist geworden um die Menschen seines Landes zu beschützen. Als religiöse Fanatiker ihrer aller Freiheit vernichten, beschließt er, sich gegen sie zu stellen und damit auch gegen alles, was seinem Heimatland angetan wird. Was das für ihn bedeutet und wie sehr ihn das zerstören wird, ahnt er dabei nicht.

 

Leos Geschichte im Handmaid's Tale-AU.

Notes:

Hallo zusammen,

hier nun wie mehrfach angedeutet Leos Sichtweise auf die Geschehnisse in Gilead. Auch das hier wird keine nette Geschichte und in manchen Punkten vielleicht auch noch etwas dunkler als Adams Version aus den Farben. Die zwanzig Kapitel werde ich vermutlich nicht knacken, dafür wird das Posttempo ein bisschen langsamer sein. 😉

Vielen Dank an dieser Stelle nochmal an alle, die auf meine damalige Frage, welche Szenen ich mit aufnehmen soll, geantwortet haben. ❤️🌻 Ich habe sie samt und sonders berücksichtigt!

Ich wünsche euch viel Spaß und passt beim Lesen auf euch auf. Triggerwarnungen gibt es wie immer zu Beginn eines Kapitels.

(See the end of the work for more notes.)

Chapter 1: Prolog

Chapter Text

 

Es beginnt schleichend. 

Zuerst ist da eine neue Partei, klein, mit Spinnern, die niemand ernst nimmt, weil die Religionen dem Weltlichen weichen. Eine Untergrundbewegung, die noch nicht einmal vom Inlandsgeheimdienst beobachtet wird.

Sie findet mehr und mehr Anhängerinnen und Anhänger, fischt bei denen, die am Frustriertesten sind. Sie sucht sich einfache Schuldige an der Lage und zieht damit durch die Gegenden, die abgehängt und wirtschaftsschwach sind. Sie bietet Unmut einen Nährboden und spinnt so ihr Netz über ein ganzes Land. 

Leo ist von Anfang an dabei, ermittelt in brutalen Mordfällen, Angriffen auf Menschen anderen Glaubens und andere, sexueller Orientierung. Er verfolgt die Kriminalstatistik und ist in Sorge, dass sich die religiösen Fanatiker, als die er sie bezeichnet, weiter ausbreiten. Er verfolgt die sozialen Netzwerke, sieht, wie sie Diskussionen monopolisieren und Hetzkampagnen gegen andersdenkende Menschen starten. 

Die schweigende Mehrheit ignoriert es und bietet den Fanatikern so die Möglichkeit, Zuspruch zu gewinnen, die wiederum in den abgelegenen Dörfern und abgehängten Gegenden Terror verbreiten, ohne, dass der Staat schlussendlich genug Personen hat um einzugreifen. Es gibt nicht genug Haushaltsmittel um die Zahlen der Sicherheitsapparate zu erhöhen und die Attraktivität für Jobs bei der Polizei oder den Geheimdiensten zu finanzieren.

Die Demonstrationen beginnen und sie werden der Gewalt nicht mehr Herr. Leo schiebt Sonderschichten, arbeitet teilweise wochenlang sieben Tage am Stück, nicht als Mordermittler, sondern auf der Straße, um die Demonstranten in Schach zu halten, die immer gewalttätiger und brutaler werden.  

Parallel dazu sinkt die Geburtenrate und es stellt sich heraus, dass die Männer diejenigen sind, die zu all dem noch unfruchtbar werden. Die Wissenschaft hat keine Anhaltspunkte, woher es kommen könnte. Niemand weiß, was dagegen zu tun ist. 

Dann gibt es Krieg, nicht in ihrem Land, sondern ein paar tausend Kilometer weiter, aber dieser stürzt Leos Heimatland in eine noch größere Krise. Die demokratischen Parteien streiten und zerstreiten sich, können ihre Differenzen nicht mehr beseitigen. Das gibt den Fanatikern die Chance, mit einfachen Lösungen für komplexe Probleme mehr und mehr Stimmen zu holen. 

Sie gewinnen örtliche Wahlen und die vermutete Regierungsunfähigkeit bleibt aus. Stärke, die in Leos Augen nur auf der Diskriminierung von Menschen fußt, findet Zuspruch, denn die Freiheit und Gleichheit aller Menschen ist das, was in Krisenzeiten am Ehesten ins Hintertreffen gerät.
 
Doch Leo kämpft, für dieses Land, die Menschen, die Freiheit. Er ist nicht alleine bei diesem Kampf, doch vergebens. 

Das Land wählt und die Fanatiker gewinnen die Wahl. Haushoch, weil sie einschüchtern, Wahllokale bedrohen und Wahlunterlagen fälschen. Weil Menschen so desillusioniert sind, dass sie nicht mehr zur Wahl gehen oder aus Protest wählen, damit die Situation besser wird.

Es dauert ein halbes Jahr, bis die Fanatiker die Demokratie soweit ausgehöhlt haben, dass ihnen die Justiz gehört und hörig ist. Sie besetzen die Spitzenposten in Staatsanwaltschaft und Richterschaft nach eigenem Gutdünken. Trupps ziehen marodierend durch die Straßen und dieses Mal wird die Polizei nicht entsandt um die Bevölkerung zu schützen. Anzeigen werden nicht angenommen oder abgeschmettert.

Leo bleibt hartnäckig, geht demonstrieren, er versucht, seinem Eid treu zu bleiben. Er schützt die Schwachen so gut es geht, doch einem langsam unterwanderten Apparat ist auch er nicht mehr gewachsen. Dem demokratiezersetzenden, menschenfeindlichen Apparat, der nahtlos in eine Diktatur abgleitet.

„Wir müssen doch etwas tun“, versucht er es dennoch, in ihrem Verschwörerkreis, wie Pia sie am Anfang noch augenzwinkernd genannt hat, zu platzieren. Sie treffen sich mittlerweile regelmäßig im Verborgenen. Sie, die sich auf einem Lehrgang im Innenministerium kennengelernt haben oder zusammenarbeiten. 

Pia und Esther gehören zu seinem Team, ihnen vertraut Leo ebenso blind, wie er Henny und Rainer vertraut, die ebenfalls Teil seiner Dienststelle sind und mit ihm für Recht und Gerechtigkeit streiten. Mit Karow, Nina und Maik hätte er da mehr Probleme, wenn er nicht wüsste, wie sehr sie die Fanatiker hassen, die an der Macht ist. Adams Treue ist notorisch, wenn auch bärbeißig.

„Und was willst du tun?“, schnaubt Karow verächtlich und er sieht aus, als hätte er eine harte Woche gehabt. Unter dem Deckmantel des Wanderns haben sie sich eine Hütte im Wald gemietet, fernab von neugierigen Ohren und Augen. Karow ist ungewohnt zerknittert angekommen und hat sich als Erstes eine Flasche Bier genommen. Sie sitzen alle bei Kerzenschein auf der Couch und Maik knirscht so hörbar mit den Zähnen, dass sowohl Nina als auch Leo fragend zu ihm sehen. 

„Es von innen heraus zerstören. Von außen erreichen wir gar nichts“, sagt er leise, aber bestimmt.

„Das wären wir gegen wie viele?“, fragt Nina und nippt an ihrem Rotwein. An ihrer Geste ist nichts Entspanntes und Leo weiß, dass sie diese Woche einen Großteil ihrer Fälle hat abgeben müssen. Wie viele Kolleginnen in der Hauptstadt. Frauen haben im aktiven Dienst nichts mehr zu suchen, werden zu Büroarbeiten verdammt.   

Esther schüttelt ablehnend den Kopf und greift nach Pias Hand. Sie verschränken die Finger ineinander. Hier können sie das tun, auf der Arbeit ist die Zurschaustellung von gleichgeschlechtliche Zuneigung mittlerweile von ihrem Dienststellenleiter untersagt. Weil es ekelhaft und widernatürlich sei. Leo, der selbst Männer liebt, ist an jedem Tag wütend darüber. Gleichwohl ist er froh, dass er sich niemals geoutet hat. 

„Zu viele“, knurrt sie und Rainer schüttelt den Kopf.

„Wir müssten nur in die höheren Ebenen kommen. Uns als wertvoller Mitglieder ihres Glaubens zu erkennen geben.“

„Und dann?“, fragt Adam, der von all dem gar nichts hält und viel lieber wie viele andere auch fliehen würde. Auswandern, in eines der angrenzenden Nachbarländer, bevor die Grenzen dicht gemacht werden. Die Gerüchte, die Maik aus Geheimdienstkreisen mitbringt, sagen nichts Gutes. Die Nachbarstaaten fürchten sich vor der Entwicklung in diesem Land. 

„Ich bin auch für von innen heraus unterwandern und zerstören, sie einen nach dem anderen vernichten.“ Karows Worte sind dunkel und verächtlich. Sie sind Leo beinahe schon zu dunkel und destruktiv, denn das würde bedeuten, dass sie die gleichen, radikalen Wege gehen wie die Menschen, die nach und nach die Demokratie zu einer Diktatur machen. 

„Du sprichst von Morden“, sagt Leo leise und der Raum wird still. Morde sind gegen das Gesetz. Immer noch. Karow nickt zusammen mit Maik. 

„Wenn uns nichts anderes übrig bleibt, dann jage ich dem selbsternannten frommen König Schürk auch eine Kugel durch den Kopf. Aber ich dachte eher an einen Umsturz mithilfe anderer Regierungen.“

„Du glaubst doch nicht, dass die kommen werden“, schnaubt Esther, doch Maik nickt grimmig. Auch er sieht müde aus, ausgelaugt.

„Irgendwann werden sie es, weil sie sehen, was mit unserem Land passiert und wie sehr es das Verteidigungsbündnis destabilisiert. Ich kann die Verbindungen herstellen, ich weiß, wen ich ansprechen muss. Aber wir müssen nur Stand halten. Wie lange...weiß ich nicht.“

„Es kann schief gehen und wir wissen nicht, was sie noch alles planen“, wirft Henny ein und deutet mit der Möhre, die sie gerade in der Hand hält auf den Tisch zwischen ihnen, als würde dort ein Plan liegen. „Wir wissen nicht, ob und wann wir erfolgreich sein werden und wir wissen nicht, ob wir nicht auffliegen und inhaftiert werden.“

„Aber uns bleibt keine andere Wahl. Wir müssen einen Widerstand aufbauen und uns mit anderen zusammenschließen. Wir müssen uns um diejenigen kümmern, die unsere Hilfe brauchen“, sagt Leo entschlossen und es ist tatsächlich das, was er fühlt. 

Unabdingbare, eiserne Entschlossenheit im Angesicht brachialen Unrechts. 


~~**~~


Die hält, als die Grenzen dicht gemacht werden. Nicht von den Nachbarländern, sondern von den Fanatikern in ihrem Land. 

Die hält, als Schürk Leos Heimatland den Namen Gilead gibt und die Demokratie mit einem hinterhältigen Grinsen in eine theokratische Militärdiktatur umwandelt und innerhalb von Wochen alles bisher Bekannte auflöst. Er stellt Homosexualität unter Strafe und verbietet Frauen das Arbeiten und Annehmen von Geld für Arbeit.

Die hält umso mehr, als die Fanatiker mit den ersten, fürchterlichen Fangaktionen von flüchtigen Menschen und Hinrichtungen beginnen und die Einwohnerinnen und Einwohner einteilen. In Kasten, in Aufgaben, in Zwangsarbeit und Sklaverei. Mit dem Verbot für Frauen, zu arbeiten und Geld zu verdienen.

Sie geben ihnen Farben und an den Farben unterscheidet sich, wer Rechte hat, wer entmündigt wird und wer versklavt wird. 

Es ist schlimmer, als Leo jemals befürchtet hat. Grausamer, als er es sich in seinen dunkelsten Stunden ausgemalt hat.

Leo steht in seinem kargen Zimmer in der Kaserne, in der sie alle guten, linientreuen Polizisten befohlen haben um sie einzuschwören. Er hat gelernt, zuzuhören und zu ertragen, auch wenn alles in ihm schreit und tobt und angeekelt ist. Er wird heute vereidigt und Leo ist schlecht bei dem Gedanken daran, was er schwören wird und wie sehr das den bereits geleisteten Eid konterkariert.

Er kann nicht zurück, denn in der Hütte im Wald haben sie beschlossen, diesen Weg zu gehen und mit jedem Mord, mit jeder Straftat gegen die freiheitlich demokratische Ordnung werden sie grimmiger, diesen Weg auch zu gehen. Bis zum bitteren Ende, denn das ist es, wofür sie stehen.  

Leos Finger gleiten über den steifen Anzug, der auf dem einfachen Bett liegt. 

Er ist schwarz und Leo ahnt, dass diese Farbe sein Untergang sein wird.

 


~~~~~~~

Wird fortgesetzt.