Work Text:
Es ist dunkel geworden draußen. Das Büro ist nur noch erleuchtet von den Straßenlaternen vor den Fenstern und dem wenigen Licht, das die Leuchttafeln über der Autobahn abgeben. So richtig weiß Esther nicht, warum sie noch hier ist. Nur dass die Leere hier im Moment besser ist, als die Vertrautheit ihrer Wohnung es wäre. Und leer ist es momentan wirklich. Leo und Adam haben sich noch erkundigt, ob alles in Ordnung ist, bevor sie sie hier allein gelassen haben. Esther hat mit einem kurzen Nicken bestätigt und war den beiden dankbar, dass sie nicht weiter nachgehakt haben. Auch sie haben die letzten Tage geschlaucht, so viel war offensichtlich. Pia war schon überhaupt nicht da, als sie zurück ins Büro gekommen sind. Leo hat irgendwas mit „Termin beim Therapeuten“ gemurmelt und irgendwo in Esthers Magen hat schlechtes Gewissen gezwickt, weil sie da überhaupt nicht mehr dran gedacht hat.
Es gibt kein Geräusch, das Esther ankündigt, dass sie nicht länger die Einzige ist, die zu dieser Uhrzeit noch hier Halt sucht. Eigentlich sollte sie sich deshalb vielleicht erschrecken, als sich die Tür zum Büro langsam öffnet, aber Esther bringt nicht mehr über sich, als den Kopf etwas in Richtung der Tür zu drehen. Es ist eindeutig Pias Silhouette, die sich gegen das Licht im Flur abzeichnet. Sie wirkt, als müsse sie erst noch einmal durchatmen, bevor sie wirklich in das Büro tritt.
Esther kann den genauen Moment erkennen, in dem Pia sie bemerkt. Ihr Griff um die Türklinke verstärkt sich und der Atemzug, der ihr entweicht, ist etwas geräuschvoller. Es ist deutlich, dass sie nicht damit gerechnet hat, jemanden hier anzutreffen. Was auch nochmal die Frage unterstreicht, was Esther hier macht. Hat sie gehofft, dass Pia noch auftaucht? Esther weiß es nicht.
Einen Moment schauen sie sich einfach an, beide etwas unsicher in dieser Umkehrung der typischen Situation. Sonst ist es zu dieser Uhrzeit meist Esther, die Pia hier antrifft und dann versucht sie in der Regel, Pia dazu zu bewegen, zu gehen. Gerade liegt ihr nichts ferner.
„Hi“, bietet Esther schließlich leise an. Es fühlt sich an, als würde sie sich zu Pia in ihren Schutzraum drängen. Aber Pia scheint sie reinzulassen.
„Hi“, erwidert sie und da ist etwas Suchendes in ihrem Blick, als die dann doch die Tür hinter sich schließt.
Bevor Esther sich aber Gedanken machen kann, was Pia wohl alles in ihrem Gesicht lesen kann, fährt die sich mit der Hand durchs Gesicht und lässt sich dann zu Esther aufs Sofa fallen. Jetzt aus der Nähe kann Esther sehen, dass ihre Augen ganz rot sind. Sie muss geweint haben. Irgendwas sticht in Esthers Brust, aber da sticht es schon die ganzen letzten Tage und sie weiß nicht mehr, was sie gegen all die verschiedenen Wunden machen soll. Esthers Hände graben sich in ihren Oberschenkel.
„Willst du drüber reden?“, fragt Pia in die Stille des Büros. Ihre Stimme ist erstaunlich fest.
Irgendwas in Esther möchte erzählen, möchte sich nicht mehr so allein fühlen mit all dem, aber wo soll sie da überhaupt anfangen? Wie erklärt man, dass etwas, was man über Jahrzehnte versucht hat, weit weg von sich zu halten, auf einmal mit aller Gewalt aus einem herausgebrochen ist und sich scheinbar nicht wieder hinter die einstigen Mauern drängen lassen will? Noch nicht zumindest.
„Nicht im Moment“, sagt Esther deshalb.
Ihr Blick bleibt wieder an Pias geröteten Augen hängen. Sie war so mit sich selbst beschäftigt die letzten Tage, dass sie gar nicht mehr nach Pia geschaut hat. Und das, obwohl es nicht zu übersehen war, dass sie wieder mit etwas kämpft. „Und du? Willst du drüber sprechen?“
Pias Blick wendet sich zum Fenster, bevor sie entschieden den Kopf schüttelt. „Nein.“
Erleichterung durchströmt Esther und auch das fühlt sich scheiße an. Wie hat sie sich so aus dem Konzept bringen lassen? Die Luft in ihrer Lunge scheint auf einmal nicht mehr zu reichen. Scharf versucht sie, etwas mehr davon einzuziehen.
Und natürlich ist es da Pia, die auch die buchstäbliche Hand ausstreckt. Etwas unsicher legen sich ihre Finger über Esthers, aber als Esther sich nicht rührt, schließen sie sich entschlossener um Esthers.
Unwillkürlich muss Esther an die Hand denken, die sie vor weniger als 24 Stunden gehalten hat. Die beiden sind schwer vergleichbar. Katjas Hand selbst nach all den Jahren noch so vertraut und Pias so warm. Esther muss geräuschvoll die Nase hochziehen.
In einer etwas verloren wirkenden Geste streichen Pias Finger über ihren Handrücken und Esther spürt wieder ihren Blick auf sich. Das Brennen in Esthers Augen wird stärker.
„Ähm…“ Pia schluckt hörbar und macht eine Geste, die Esther mit viel gutem Willen als eine Einladung in ihre Arme erkennen kann. „Willst du…?“
Esther zögert einen Moment. Eigentlich sind sie so nicht, egal wie häufig Esther der Gedanke, dass sie es sein könnten, in letzter Zeit kommt. Anderseits fühlt sich in den letzten Tagen sowieso alles in Esthers Leben wieder sehr wackelig an. Mit einem letzten Blick zu Pia rutscht Esther über das Sofa zu ihr. Pias Arme schließen sich sofort um sie. Ihr Atem streift Esthers Wange und das ist alles, was es braucht, dass Esthers Dämme wieder brechen. Es war wohl unvermeidlich.
Und doch weiß sie gar nicht genau, warum sie weint. Vielleicht wegen Pias Armen um ihr, wegen Katjas Blick vorhin, wegen Clemmi, den sie nie wieder sehen wird. Vielleicht um die junge Esther, die zu der älteren Esther geworden ist, die noch immer so viel Schmerz mit sich rumschleppt, wegen Katjas Hand in ihrer und dem rauen Stoff von Katjas Sofa unter ihrer Wange. Vielleicht wegen Pias verheulten Augen, weil Pia schon wieder sich selbst hintenanstellt und weil Esther es zulässt. Vielleicht weil das alles einfach zu viel ist, auch wenn sie sich über Jahre antrainiert hat, zu viel auszuhalten.
Etwas Warmes tropft in Esthers Haare. Sie wird noch fester an Pias Brust gedrückt. Sie spürt den Reißverschluss von Pias Jacke an ihrem Rücken. Wie gern würde Esther nachfragen, ihrerseits etwas Trost spenden. Das Einzige, was sie schafft, ist, nach Pias Hand zu greifen und fest zuzudrücken.
