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Ghost Spots

Summary:

"Leo", krächzt er. Statt einer kleinen warmen Hand liegt eine große, raue an seiner Wange. Taumelnd findet sein Geist zurück in dieses Zimmer, in das Bett, den Körper, der unter ihm liegt.

Karow verfolgt Maiks Spuren und verliert sich dabei.
Adam hat etwas erfahren, das er nicht wissen wollte, und sucht Ablenkung.
Kein Wunder, dass sie blitzartig zusammenknallen.

Notes:

Das hier spielt für Karow während Das Opfer und für Adam ca. ein Jahr vor DfL.
Falls ihr mit Tatort Berlin nicht so vertraut seid: In dieser Folge erfährt Karow, dass sein Jugendfreund Maik bei einer verdeckten Ermittlung gestorben ist, und begibt sich auf seine Spuren, um den Tod aufzuklären. Dabei trifft er auf Camilla, die ihm erzählt, dass Maik eine Affäre mit Sammy hatte, der für einen Mafiaboss arbeitet (kompliziert, aber hier irrelevant😂). Danach setzt dieser Oneshot ein.

Der Titel und alle Zitate stammen aus "Call me by your name", was auch ein bisschen meine Inspiration hierfür war.

Danke an Sam2Hell fürs Probelesen und den gemeinsamen Arow brainrot (ja, das ist jetzt der ship name) ❤️

Work Text:

 

 

 

 

 

Did I want to be him? Or did I just want to have him? Or are "being" and "having" thoroughly inaccurate verbs in the twisted skein of desire, where having someone's body to touch and being that someone we're longing to touch are one and the same[...]?

(André Aciman, Call me by your name)

 

 

◇◇◇

 

 

Die Welt taumelt in trägen Kreisen um ihn herum.

Das Pflaster ist hart unter seinen Turnschuhen, kalte Luft peitscht ihm ins Gesicht. Noch spürt er das. Zu wenig Alkohol.

Aber er kann Camillas Vorräte nicht noch mehr erschöpfen, und eigentlich will er das auch gar nicht – er macht das nicht, so viel zu trinken. Nur hier und da. Heute war es die beste Ablenkung in Reichweite, also hat er zugegriffen. Sein Finger pocht immer noch vor Schmerz, entfernt, aber spürbar. Langsam sollten die scheiß Tabletten mal wirken, verdammt.

Karow vergräbt die Hände in den Jackentaschen. Muss nicht gleich jeder sehen.

Die Worte von eben liegen noch bitter auf seiner Zunge, tropfen seinen Rachen hinab, obwohl er sie doch hinausgeschleudert hat. Maik hat ihn nicht geliebt, er hat niemanden geliebt.

Rasende Wut ist durch seinen Körper geschäumt, als Camilla das angedeutet hat. Das kann nicht sein, kann es einfach nicht. Hätte Maik überhaupt irgendjemanden geliebt, seine Frau, seine Kinder, irgendwen, dann wäre er doch nie auf diese Mission aufgebrochen. Er hat das getan, weil er genauso kaputt ist wie Karow selbst, nicht aus Liebe, er hat diesem Sammy vielleicht helfen wollen, aber verdammt nochmal nicht aus Liebe, er kann das nicht, das kann nicht...

Karow muss beinahe lachen, als es ihm klar wird.

Wie tief er in die Ironie getappt ist. Wer ist hier eifersüchtig? Und blind, weil er die Wahrheit nicht akzeptiert?

Vor ihm flackern die Menschen. Blau, Grün, grelles Rot. Es wummert um ihn herum. Da ist eine Bar, registriert er verschwommen. Trinken und feiern, das wär's jetzt. Sein Magen zieht sich zusammen. Genug Alkohol. Mehr wird auch nicht helfen.

Und dann sind die Lichter plötzlich verschwunden, keine grellen Farben mehr, nur noch Sonne, die sich durch die Lücken der Jalousie hereinschiebt. Maik in seinem weichen Pullover, wie er sich zu ihm dreht. Auf dem Tisch liegt das Münzheft, aufgeklappt, er hat eine rausgenommen und hält sie liebevoll in der Hand. Sein Vater hat das nie so gemacht, denkt Karow und dann prellt seine linke Schulter auf einmal gegen etwas Hartes.

"Ey, pass mal auf, wo du hinläufst!"

Schmale Augen funkeln ihn an, Karow erhascht nur blonde Strähnen und das Leder einer Jacke, ehe er davonstolpert. Soll der Typ ihm doch selbst aus dem Weg gehen. Er hat keine Lust, auf irgendwelche Leute Rücksicht zu nehmen, die hier feiern und sich vergnügen. Eigentlich würde er am liebsten zuschlagen. Oder jemanden anschreien. Ja. Der Drang steigt wie hysterisch in seiner Kehle auf, und – Moment.

Karow bleibt stehen und dreht sich wieder um.

"Was?"

"Ich hab gesagt, pass auf, wo du hinläufst!", wiederholt der Mann. Seine Stimme ist scharf, gereizt.

Karows Mundwinkel zuckt. "Ah ja. Und was, wenn nicht?"

Absichtlich tritt er wieder näher, fordert den anderen heraus. Soll er sich doch beschweren. Soll er nur zuschlagen. Er sieht aus, als hätte er Kraft, mit der kaputten Hand ist Karow ihm vielleicht nicht gewachsen, aber zur Abwechslung ist ihm das völlig egal. Wenn der Typ ihn jetzt zu Boden tritt, schön. Dann hat er wenigstens was zu tun.

Aber er bewegt sich gar nicht, starrt ihm nur dunkel in die Augen. In Karows Bauch prickelt es. Der Mann ist nicht viel größer als er, und doch fühlt es sich an, als würde er auf ihn herabschauen. Langsam wandelt sich der strafende Blick zu etwas anderem.

Karow macht noch einen Schritt, gefährlich nah in den Orbit seines Gegenübers hinein, und starrt zurück. Nimmt erst jetzt richtig wahr, an wen er hier geraten ist.

Wachsame blaue Augen. Wangenknochen, scharf und schön. Blondierte Strähnen, die wirr sein Gesicht umspielen. Unter der Lederjacke kann Karow starke Muskeln erahnen.

Der könnte ihn fertigmachen, weiß er sofort. Auf die ein oder andere Art.

Der Blick des Mannes senkt sich, fällt blitzartig auf seine Lippen.

Ah, denkt Karow. Also die andere.

Blaue Augen fixieren ihn hart, in der Luft verschiebt sich etwas – oder vielleicht ist es ohnehin schon da gewesen – und dann reißt die Spannung.

Karow hat gerade noch Zeit, sich zu fragen, ob die Lippen seines Gegenübers wohl so rau sind wie seine eigenen, als er sie schon auf seinen spürt. Eine Hand greift in seinen Nacken, nicht grob, aber fest genug, dass es einen Ruck durch Karows Körper schickt.

Und das –

Fuck.

Das hat er gebraucht.

Er hat das nicht mehr getan, seit Nina in seinen Armen verblutet ist, hat es nicht über sich gebracht, einen anderen Atem als ihren zu spüren, der unter seinen Lippen versiegt ist.

Aber das hier, jetzt? Das ist eine Wahrheit, die er akzeptieren kann. Das hier ist er, und es reißt ihn beinahe von den Füßen, denn der Mann vor ihm ist völlig fremd und doch einer, den er sein Leben lang gekannt hat.

Zarte Finger streifen gegen seine, er traut sich langsam, wieder aufzuschauen, und da ist Maiks Gesicht, so nah im Lichtspiel der Sonne. Und dann noch näher. Er schließt die Augen, öffnet sie wieder, Maik ist noch da, er neigt den Kopf, Augen wieder zu. Ihre Nasen stupsen aneinander, und sein Herz schlägt so laut, dass er nichts anderes mehr hört. Es ist nur ein Tasten, reines Gefühl, warmer Atem, der sich vermischt. Und dann ist es ein Kuss.

Karow hebt die unverletzte Hand und krallt sie in die Jacke, das strähnige Haar des Mannes. Er taumelt in einem Strudel aus Verlangen und Verzweiflung und diesem Kribbeln, das er nicht fassen kann, das noch stärker wird, als Maik ihm die Jacke von den Schultern schiebt und ihn küsst, als hätte er das immer gewollt. Karow küsst ihn zurück, presst sich enger an den blonden Mann und lässt sich von ihm halten. Lichter schwirren um sie herum.

Maiks Finger nesteln an seinem Gürtel herum und Karows Herz überschlägt sich bei dem Gedanken – was sie tun können, was er sich insgeheim ausmalt, etwas, das eine ganz andere Wahrheit sein kann. Atemlos vergräbt er das Gesicht an Maiks Hals, küsst ihn dort, ertränkt die kleinen, hilflosen Laute in seiner Haut.

"Robert."

Er schrickt zusammen, als die Stimme seines Vaters durch den Raum fegt.

Erst, als er wieder blaue Augen sieht, merkt Karow, dass er zurückgewichen ist. Sein Gegenüber mustert ihn, die Pupillen weit, gerötete Lippen. Irgendwas an seinen Zügen wirkt furchtbar zerbrechlich.

Die verhassten Worte hallen immer noch durch Karows Kopf. Sagst du die Wahrheit, Robert? Schaust du mich an!

Sein ganzes Leben lang hat er nach Wahrheit gesucht. Und jetzt, wo er sie kennt, wo er weiß, was aus Maik geworden ist, da will er sie nicht mehr. Was hat sie ihm je gebracht?

Im pulsierenden Licht der Bar horcht Karow in sich hinein.

Jetzt gerade braucht er eine Lüge. Und die absolut beste steht hier vor ihm. Die Hand des Mannes liegt immer noch an seiner Wange, weigert sich, ihn loszulassen. Gut.

Scheiß auf die Welt, scheiß auf die Wahrheit. In einer einzigen Bewegung lehnt Karow sich wieder näher, zieht ihn an sich und bringt ihre Lippen zusammen. Diesmal ist jede Vorsicht verschwunden. Die Art, wie sie aneinanderstoßen, wie ihre Zungen sich treffen, hat nichts mehr von dem unschuldigen Tasten, ob da fester Boden unter ihnen ist. Jetzt kümmert es ihn nicht mehr, wenn sie fallen, und seinem Gegenüber scheint es ebenso zu gehen. Seine Lippen sind roh und gierig, eine fieberhafte Verzweiflung, die Karows eigene spiegelt. Er stellt fest, dass er nichts hiervon verlernt hat. Seine Finger wissen immer noch, wie sie den Mann vor ihm im richtigen Winkel an sich ziehen, damit es noch besser wird. Seine Zunge findet den Weg in dessen Mund, als hätte er nie etwas anderes getan. Vielleicht kann er wirklich nur zwei Dinge auf dieser Welt.

Wäre seine andere Hand nicht noch immer in der Gipsschiene, würde er sie nutzen, um ihnen ein wenig Reibung zu verschaffen. So kann er sich nur enger an den Körper vor ihm drängen, um das Ziehen in seinem Unterleib zu befriedigen.

Die Zeit fließt um sie herum, während sie sich ineinander verlieren.

Karow ist es egal. Er will alles von diesem Mann, alles, was er kriegen kann. Er schmeckt nach Zigaretten und etwas Unergründbarem, das ihn an Maiks Wohnung erinnert. Fuck. Er küsst ihn noch heftiger, jagt den bitteren Geschmack, der ihm Vertrautheit vorgaukelt. Für einige lange Augenblicke ist er völlig gefangen.

Dann schärft sich seine Sicht, als der Mann ein Stück von ihm ablässt. Eine seiner Hände liegt unter Karows Jacke an seiner Brust, die andere in seinem Nacken.

Lange Wimpern blinzeln ihn an.

"Kommst du mit?"

Er klingt noch rauer als vorhin und der Klang schickt einen heißen Schauer über Karows Rücken. Er nickt, bevor er darüber nachgedacht hat. "Wo?"

"Meine Wohnung ist nicht weit."

Mehr braucht es nicht. Karow folgt ihm durch die Straßen, weg von den Lichtern und dem dröhnenden Bass.

 

Er hat keine Ahnung, wie sie es die paar Blocks entlang und drei Stockwerke hinauf geschafft haben. Der Mann hat ein wenig gezuckt, als er Karows Hand im Flurlicht gesehen hat, aber es scheint ihn nicht zu stören. Er hat ihm sogar geholfen, die Jacke loszuwerden, die jetzt verloren auf dem grauen Boden liegt.

Viel hat Karow nicht von der Wohnung gesehen, ehe sie im Bett landen, aber offenbar gibt es da auch nicht viel zu gucken. Sein Partner für die Nacht scheint seinen Hang zu minimalistischer Einrichtung zu teilen.

Auch die Lederjacke landet am Boden, als Karow sie ihm von den Schultern schiebt. Seine Finger krallen sich in den Stoff des Shirts, das er darunter trägt. Tiefrot. Kurz spannen sich die Muskeln darunter an und Karow hält inne, versucht in seiner nebeligen Wahrnehmung herauszufinden, was das Problem ist. Dann geht ein Ruck durch den Körper vor ihm und er zieht sich das Shirt über den Kopf.

Karows Blick wird sofort von der Schlange angezogen, die sich schwarz von seiner blassen Brust abhebt. Bewundernd streicht er darüber, beugt sich weiter nach vorn, um das Tattoo mit den Lippen zu erreichen. Weiter unten erkennt er einige Narben, aber er hat nicht genug Anhaltspunkte, wie er damit umgehen sollte, also meidet er die Stellen einfach, wie mit seiner Gipshand. Sie sind alle irgendwie kaputt, manchmal lässt es sich nur leichter verbergen.

Die letzten halbwegs nüchternen Gedanken verabschieden sich recht schnell, als sein Gegenüber eine Hand unter den Bund seiner Hose schiebt. Der Haufen verstreuter Kleidungsstücke wächst weiter, und schließlich findet sich Karow auf dem Rücken wieder, der Atem des Mannes heiß an seinen Lippen, während dessen Hand sie beide umschließt. Er stöhnt in den Mund des anderen und merkt erst einige Sekunden zu spät, dass der ihn gerade etwas gefragt hat.

Sein Name.

Karows Verstand ist zerflossen. Sein Herz tut so weh und die Lust treibt seinen Puls in ungeahnte Höhen, dass er keinen Gedanken mehr zu fassen kriegt. Außer den, der immer schon da war.

"Maik", murmelt er, und für einen Augenblick fühlt sich das so richtig an.

Es ist erleichternd, nicht er selbst sein zu müssen. Und warum auch nicht, denkt er dann, sein Körper beinahe schmerzhaft präsent, während die Gedanken über ihn hinwegfegen. Warum zur Hölle nicht. Er wandelt ohnehin schon auf Maiks Spuren, raucht seine Zigaretten, schläft in seinem Bett. Wenn er ihn nicht auf diese Art wiederhaben kann, dann vielleicht hier, jetzt, weil es das ist, was er immer gewollt und mit Maik niemals bekommen hat.

Er hebt die Hand und streicht eine verirrte blonde Strähne zurecht.

Und dann sagt er nochmal:

"Maik."

 

 

◇◇◇

 

His words made no sense. But I knew exactly what he meant.

 

◇◇◇

 

 

Manchmal ist es, als würde sich die Welt tatsächlich nur um Adam drehen.

Manchmal, so wie heute. Es kann doch nur irgendeine Ironie des Universums sein.

Jahrelang hat er es jetzt geschafft, alles hinter sich zu lassen. Ein neues Leben aufzubauen. Er hat eine Stelle bei der Polizei, eine eigene Wohnung, Geld für Reisen, und seit Monaten hat er sich nicht mehr in den Clubs herumgetrieben, die ihn früher so angezogen haben. Alles beruhigt sich, so wie er das wollte. Natürlich wacht er immer noch schweißgebadet auf, aber es ist nicht mehr jede Nacht, und der Job lenkt ihn genug davon ab.

Alles sollte gut sein.

Und dann, dann musste er für einen Fall in der verdammten Datenbank nach Polizeimitarbeitern recherchieren, und er hat nicht mal den Namen gefunden, den er sucht.

Dafür einen anderen.

Einen, den er seit Jahren nicht mehr gelesen hat, weil er sich das verbietet. Ihn weiter im Auge zu behalten, so als würde er ihm nachspionieren. Er hat jetzt sein eigenes Leben und Leo offensichtlich auch.

Nur stand er auf einmal da, dort in dieser endlosen Liste, neben einem frisch aktualisierten Kriminalhauptkommissar.

Adam hat auf den Bildschirm gestarrt, bis seine Sicht verschwamm. Dann hat er den Laptop zugeklappt und ist abgehauen.

Irgendwie muss er das morgen erklären, aber gerade fühlt sich die Welt unendlich weit weg an.

Das Universum hat sich wohl einen Scherz erlaubt. Einen besonders schlechten, denkt Adam.

Eigentlich dachte er auch, mit all dem abgeschlossen zu haben. Doch dann war da dieses Ziehen in seiner Brust, größer als alles, was er in den letzten Jahren gefühlt hat, und – es geht einfach nicht mehr.

Also ist er schnurstracks in die nächste Bar gerannt. Eigentlich ist er kein Fan von Alkohol, aber er braucht das jetzt; irgendwas, das dieses Brennen in ihm durch etwas Reales ersetzt. Der wummernde Bass dröhnt durch seinen Körper und lullt ihn ein; es ist viel, so viel, dass eigentlich kein Platz für Gedanken sein sollte.

Ist es aber irgendwie doch.

Nach dem nächsten Drink wirft er ein paar Scheine auf den Tresen und verzieht sich nach draußen. Das Grölen der Menschen stößt ihn ab, die Lichter flimmern, Schwindel setzt ein. Mit schlingerndem Magen greift Adam in seine Jackentasche, braucht ein paar Momente, um die Packung herauszufummeln.

Fuck. Wo hat er nochmal das Feuerzeug hingetan?

Fluchend durchwühlt er die Hosentaschen, seine Finger kribbeln so komisch. Irgendwo hier muss es doch...

Wamm.

Adam stolpert zur Seite und reißt empört den Mund auf, noch ehe er sieht, wer ihn hier angerempelt hat. Irgendein Typ mit Bomberjacke. Adam schreit ihm hinterher, dass er mal aufpassen soll. Was fällt dem eigentlich ein? Und überhaupt, wieso ignoriert der ihn einfach, statt sich mal zu entschuldigen? Oder – was ist, wenn er zurückschreit? Adams Hand ballt sich zur Faust, zerquetscht beinahe die Zigarettenschachtel. Ja, komm. Warum nicht. Er ist nicht im Dienst, also, technisch gesehen – er darf ein bisschen Spaß haben, oder?

Der Typ hat sich umgedreht und kommt näher, und da durchblitzt ihn eine ganz andere Idee. Früher hat das super funktioniert. Sich von so vielen Menschen wie möglich berühren zu lassen, auf alle nur denkbaren Arten, besonders die, von denen sein Vater immer gesagt hat, sie seien schwach und unwürdig.

Der Mann vor ihm starrt ihn an, und dieser Trotz in seinem Blick kommt Adam bekannt vor. Und wie.

Es erinnert ihn ein klein wenig an Leo.

Und bevor sich der Gedanke festsetzen kann, hat Adam die Hände ausgestreckt und sie küssen sich hart, alles andere verschwimmt. Es ist überraschend geil und Adam merkt, wie sich etwas regt, sein Körper nach mehr verlangt.

Er fühlt sich klein und zerbrechlich und das hält er nicht aus, also krallt er sich noch fester, ertränkt die Zweifel in Küssen, bis sich alles dreht. Wie von allein sind seine Hände tiefer gewandert, er will sich kaum zurückhalten, aber – nicht hier.

Er hasst das alles, diese Bar und die Musik und die ganze Stadt, verdammt. Also nimmt er den Mann mit zu sich.

Der Gips an dessen linker Hand lässt ihn kurz stutzen, aber was kümmert ihn das, wenn die rechte dafür alles wettmacht. Sie landen ohne Umschweife im Bett, erst fällt die Lederjacke zu Boden und dann zieht der Mann an Adams T-Shirt.

Fuck.

Unvermittelt durchfährt ihn die Panik.

Sonst hat er es immer angelassen, als letzte Versicherung, dass sein Körper wirklich ihm gehört, dass er die Kontrolle hat. Und um die Narben nicht erklären zu müssen. Wenn da einer ein Problem mit hatte, musste er sich halt jemand anderen suchen.

Aber jetzt fühlt sich jede Schicht Stoff wie ein Gefängnis an, und wenn er wirklich vergessen will, muss er auch alles fühlen, oder?

Adam hat keine Ahnung, woher er den Mut nimmt, sich das T-Shirt über den Kopf zu ziehen.

Und dann ist es auf einmal ganz leicht; leichter, als er je gedacht hat. Dann sind da plötzlich Lippen, die über seine Brust streichen und die Konturen der Schlange nachfahren. Und auf absurde Art hat er sich noch nie so verstanden gefühlt. Der Mann schert sich nicht um die Narben, also droht keine Gefahr, und es ist – fuck.

Adam kann nur den Kopf zurückwerfen. Das ist doch völliger Wahnsinn. Er kennt diesen Mann nicht mal – nicht so wie Leo, murmelt ein leiser Teil seines Verstands – und doch ist da eine Vertrautheit, ein Erkennen.

Oder was auch immer. Lange denkt Adam nicht darüber nach, weil sich andere Bedürfnisse in den Vordergrund drängen. Eine Hand macht sich ungeschickt an seinem Gürtel zu schaffen, und Adam schiebt sie beiseite, übernimmt das für ihn. Er hilft dem Mann auch mit der restlichen Kleidung, immerhin hat er selbst zwei gesunde Hände, und dann atmet der andere bereits so schwer, dass Adam ihn mühelos unter sich aufs Bett drücken kann. Das hier ist die einzige Art von Schwindel, die er genießt.

Ihre Lippen finden sich erneut, und es fühlt sich nicht mal mehr wie Hunger an, nur dieses verzweifelte Drängen. Adam hat keine Ahnung, was er hier tut. Aber es scheint richtig zu sein, so wie sein Gegenüber unter ihm stöhnt, als Adam seine Hand benutzt.

Fuck, er kennt noch nicht mal seinen Namen. Es sollte keine Rolle spielen, doch Adam braucht irgendeine Ordnung in seinem Hirn, um das hier verarbeiten zu können. Nur ein Punkt zum Festhalten, bevor sie sich völlig verlieren. Also fragt er.

Die Antwort kommt nicht sofort – war auch ein bisschen dumm, wird Adam klar, ihn jetzt zu fragen, wo seine Finger schon bei der Sache sind, aber dann wispert er ihm doch einen Namen entgegen.

"Maik."

Adam findet, er sieht nicht aus wie ein Maik, aber das ist egal, okay, er bewegt seine Hand ein wenig schneller und dann hebt sein Gegenüber die Hand, streicht ihm durchs Haar, und die Zartheit der Berührung wirft ihn völlig aus der Bahn.

Unter ihm knarzt das alte Holz, bunte Blätter rascheln im Wind, und Adam fröstelt ein wenig in der dünnen Sportjacke, will sie aber nicht ausziehen, weil man dann alles von heute Morgen sieht. Wärme strahlt auf ihn über, als Leo zu ihm rückt, eine Hand ausgestreckt, und ihm ganz sanft das Haar aus der Stirn streicht. Tränen schießen ihm in die Augen, er weigert sich mit aller Kraft, sie laufen zu lassen, so wie heute Morgen, als sein Vater ihn an den Haaren durch den Flur geschleift hat. Leos Finger sind so zart, wie Adams es nicht sein dürfen, und es tut weh, es tut so weh, er kann das nicht, es fehlt ihm zu sehr, und –

"Leo", krächzt er. Statt einer kleinen warmen Hand liegt eine große, raue an seiner Wange. Taumelnd findet sein Geist zurück in dieses Zimmer, in das Bett, den Körper, der unter ihm liegt.

Zuerst kommt die riesige Welle der Enttäuschung. Das hier ist nicht Leo. Leo ist irgendwo am anderen Ende von Deutschland, Kriminalhauptkommissar, und so weit entfernt, so nah, wenn Adam nur einen Schritt machen würde, aber –

Das kann er nicht, und er will nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt, hier, wo die Gegenwart zur Abwechslung mal ganz angenehm ist.

Sie haben gar nicht darüber geredet, was sie voneinander brauchen, aber Adam hat Ideen. Das, was sein Vater besonders gehasst hätte. Er rutscht tiefer, versichert sich mit einem Blick, dass das okay ist, und leckt sich die Lippen. Ihm wurde öfter gesagt, dass er gut darin ist, und vielleicht hält sein Kopf endlich die Klappe, wenn sein Mund beschäftigt ist.

Und dann hört er plötzlich einen Namen.

"Leo..."

Er zuckt beinahe zusammen. Natürlich. Er hat ausversehen Leos Namen gesagt, jetzt muss Maik denken, das wäre seiner. Adam ist drauf und dran, ihn zu korrigieren, da hört er es noch einmal, leise geseufzt.

Wie ein Echo.

Es ist, als hätte jemand das Innere seines Verstands ausgeleert, ihm seine Sehnsüchte zurück ins Gesicht geschleudert, und Adam wird den Teufel tun, irgendwas richtigzustellen, wenn Maik nochmal auf diese Art Leos Namen stöhnt.

Fuck, denkt er und kommt nicht weiter, weil irgendwie alles verschwimmt. Was auch immer das hier ist, er will den bittersüßen Geschmack auf seiner Zunge behalten.

Also lässt er es zu, hört Leos Namen wieder und wieder, als wäre er wirklich hier, und hat keinen einzigen Gedanken im Kopf, als er seine Lippen benutzt und dann seine Finger und dann alles; als die Wellen über ihm zusammenbrechen.

 

So erschöpft hat er sich lange nicht mehr gefühlt, denkt er dann, flach auf dem Rücken ausgestreckt, während sein Brustkorb wieder lernt, wie man atmet.

Ausgelaugt, auf eine gute Art. Sein Kopf ist voller Watte und seine Beine schwer, der Schweiß klebt überall. Neben ihm atmet Maik genauso heftig. Es ist alles ein bisschen ausgeartet und er bereut nichts. Es fühlt sich an, als sei eine ganze Nacht vergangen, dabei ist es draußen noch stockfinster. Die Zeit scheint sie heute zu ignorieren.

Normalerweise wäre er längst aufgestanden, um die Kleidung zusammenzusuchen. Er hat nie Interesse daran gehabt, seine Bettpartner länger zu stören als nötig.

Jetzt bleibt er einfach liegen. Irgendwie ist es gut, gerade nicht allein zu sein.

Adam starrt zu seiner Decke hinauf. Momente flackern durch seinen Geist, alles, was sie einander geben konnten. Maik hat eine verdammt talentierte rechte Hand.

Er scheint genauso ratlos zu sein wie Adam, was jetzt passiert. Adam kann seinen Blick spüren, und eine Weile lässt er ihn, hat schlicht keine Energie, irgendwas zu sagen. Und dann soll er ihn halt anschauen. Es gibt sowieso nichts, was er nicht schon gesehen hätte, und er kennt ja nicht mal Adams Namen, das –

Plötzlich kommen seine Gedanken zum Stillstand.

Er kennt nicht mal seinen Namen, aber dafür das Wichtigste, was es gibt, das er in all den Jahren noch nie jemandem erzählt hat.

Jetzt dreht Adam doch den Kopf. Maiks Blick ruht nicht auf seiner Brust, sondern tiefer, da sind –

Oh.

Die Narben.

Ihre Augen treffen sich, da ist eine Hartnäckigkeit und Neugier und Adam weiß, er müsste nichts sagen, muss sich nicht zu einem Rätsel machen lassen.

Aber dann zuckt er nur mit den Schultern.

"Andenken an meinen Vater."

Da huscht etwas über die Miene seines Gegenübers, das er nicht identifizieren kann. Mitleid sieht anders aus, glaubt er sich zu erinnern.

"Hm." Ein unverbindliches Brummen. Und dann:

"Ich auch."

Oh. Adam blinzelt. Vorsichtig tippt er gegen die Gipshand.

Maik hebt die Brauen und schüttelt dann schnaubend den Kopf. "Nicht das. Das war meine eigene Dummheit."

Jetzt kann Adam sich doch nicht mehr zurückhalten. "Wie ist das denn passiert?"

Kurzes Schweigen.

"Unfall."

Einem Verdächtigen hätte Adam das nicht geglaubt, so viel steht fest. Er seufzt und starrt wieder nach oben, beginnt langsam zu frösteln, als der Schweiß trocknet. Aufstehen ist zu viel.

Der Gedanke an seinen Vater drückt auf ihn ein. Dumpf, emotionslos. Er hat lange gebraucht, um sich mit seinem Körper zu arrangieren, so wie er nun mal ist, nach den ganzen Schlägen. Stück für Stück musste er sich alles zurückholen. Vor allem mit Dingen, von denen er weiß, dass der Alte sie verabscheut hätte. Oh, wenn er ihn jetzt sehen könnte? Er würde kochen vor Wut. Es hat lange gedauert, bis Adam sich nicht mehr fürchtet; jetzt zieht er eine eigenartige Befriedigung daraus. Sein persönlicher Mittelfinger gegen den Alten.

Ob Maik die Schläge auch kennt? Vielleicht ist das hier auch seine persönliche Rache. Vielleicht hat er schon früher gemerkt, dass er Jungs gut findet, nicht erst wie Adam in seinen Zwanzigern. Wäre Grund genug.

"Und in Wahrheit?", fragt Adam schließlich, weil der Unfall wirklich nicht überzeugend klingt.

Diesmal beobachtet er sein Gegenüber ganz genau, und deshalb bemerkt er auch das leichte Zucken bei seinem letzten Wort. Da ist irgendwas, doch Adam kann es nicht greifen. Er kann nur warten.

Maik erwidert erstmal gar nichts. Er hebt nur sachte die unverletzte Hand, berührt sein eigenes Auge, wie in Trance. Mit einem Mal fühlt sich Adam wieder allein.

Dann sagt Maik, ohne irgendeine Vorwarnung: "Ich muss mit meinem Vater reden."

Adams Kopf fällt zurück ins Kissen. Sein Herz pocht heftig, erkennt eine Gefahr, die es nicht gibt.

"Was willst du ihm denn sagen?", fragt er und hasst es, wie wackelig er klingt.

Maiks Stimme ist fest.

"Dass ich ihm nie verzeihen werde."

Ein dumpfer Stein senkt sich auf Adams Brust. Er weiß nicht, ob er je den Mut hätte, solche Worte auszusprechen. Dabei würde sein Vater nicht mal was hören.

Neben ihm raschelt Stoff. Er sieht zu, wie Maik seine Sachen einsammelt und spürt einen Stich Panik bei dem Gedanken, dass er geht. Aber... Ich muss mit meinem Vater reden. Das versteht er zu gut.

Maik scheint es eilig zu haben, müht sich mit der Jacke ab, den Schuhen. An der Tür hält er noch einmal inne.

"Tut mir leid. Tut mir leid, Leo."

Und dann ist es plötzlich wieder leer.

Adam lässt sich zurück auf das Laken sinken. Etwas Schweres klebt in seiner Brust, immer noch, hält ihn unten. Es braucht eine ganze Weile, bis er sich aufrafft und zur Dusche schleppt.

Dann macht er das Fenster auf, schüttelt sein Kissen zurecht, hängt die Jacke in den Flur. Er tritt beinahe auf sein T-Shirt und sammelt es auf, ratlos.

Draußen rumort die Stadt. Bleierne Müdigkeit kriecht in seine Knochen, kommt wahrscheinlich vom Alkohol. Was hat er nochmal getrunken?

In seinem Nachttisch lagert eine Packung Zigaretten, für Notfälle. Aber das Feuerzeug findet er immer noch nicht.

Er kann das Seufzen des anderen fast noch hören. Undefinierte Laute, Stöhnen, das Adam zeigt, er macht definitiv was richtig, und dann immer wieder das eine. Leo. Er hat den Namen so lange nicht gehört. Und noch nie auf diese Art.

Vor seinen Augen blitzt wieder die Liste in seinem Laptop auf. Fuck.

Seine Beine geben nach, er schafft es noch bis zum Bett, sinkt zitternd auf die Kante.

Eine Weile sitzt er da, denkt wieder an die letzten Stunden, was er noch überall fühlt, auch wenn die Spuren fortgespült sind. Die kühle Luft von draußen vertreibt auch den Geruch.

Er hat das T-Shirt immer noch in der Hand. Knüllt es zusammen, drückt es an seine Brust, vergräbt sein Gesicht darin, weil es alles nichts hilft.

Das erste Schluchzen ist leise. Leo Hölzer. Kriminalhauptkommissar. Sein Vater, irgendwo fern, seit Jahren im Koma. Dass ich ihm nie verzeihen werde. Wird er nicht. Aber gibt es Vergebung? Verdient er so etwas?

Das T-Shirt wird nass. Seine Brust zu eng. Das Ziehen immer stärker. Er lässt es zu.

Und dann bricht es heraus.

"Leo."

 

 

◇◇◇

 

Twenty years was yesterday, and yesterday was just earlier this morning, and morning seemed light-years away.

 

◇◇◇